Es ist bemerkenswert, daß ich hier fortwährend an deutsche Geschichte erinnert werde, mehr noch als in Berlin an die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Morgen, am 11. November, ist Gedenktag der Armistice, des Waffenstillstands am 11. November 1918, und natürlich wird das Begangen, mit einem Feiertag zumal. In unserem Viertel gibt es viele Straßen, die nach Helden der Résistance benannt sind oder nach Helden der Befreiung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Der Beispiele sind mehr.
Das hat sicher nicht nur damit zu tun, daß die deutsche und die französische Geschichte gerade im 20. Jahrhundert kaum auseinanderklambüsbar sind. Und gestern etwa bin ich ohne große Fremdbedrängung zur hiesigen Kurzfeier zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gegangen. (Von der ich aus der deutschen Presse erfahren hatte. So ganz besonders toll war es übrigens nicht.)
Stattdessen liegt es wohl auch daran, daß ich hier fremd bin; daß das Leben in der Fremde zumindest meiner Erfahrung nach immer zugleich eine größere Sensibilität für “das Eigene” hervorruft. Erst im Ausland beginnt man zu begreifen, was das bedeuten könnte, “Deutsch” zu sein – und das meine ich gar nicht im Sinne einer irgendwie patriotischen oder auch nur am Konzept einer “Nation” ausgerichteten Kategorie, sondern nur als relativ beliebige Benennung eines keineswegs monolithischen kulturellen Zustands, der unter anderem mein Bewußtsein mit hervorgebracht und geprägt hat.
Vielleicht erscheint es mir auch nur so, weil ich hier leichter überrascht werde; in Berlin, wo man ja nun wahrhaft über Geschichte nicht weniger stolpert als in Paris, bin ich vermutlich mit dem Alltagsblick des Geschäftigen über all die Bruchstücke, Einschußlöcher, Stolpersteine (diese sind noch mit am effektivsten, aber das nur am Rande) etc. hinweggegangen, weil sich diese Erinnerungs- und Gedenkorte, Denkmal oder nicht, dann doch in die Wahrnehmung einschleifen, aber nicht mehr wahrgenommen werden.
Das würde hier vermutlich auch passieren, wenn ich lange genug in Paris bliebe. Aber noch genieße ich es sehr, wenn meine aufgeraute Wahrnehmung mir hier noch Überraschungen bereitet.

