Abteilung für pralles Leben

 

French Friday: Safety worst

Abt. für French Friday, Kleine Dicke Ritter

Vergangene Woche hatte ich mein bei Twitter schon öfter erhobenes Lamento von den bei kleinsten Wetterkapriolen geschlossenen Parks hier bereits ausgebreitet; ein ähnliches Sicherheitsdenken gilt wohl auch für die öffentlichen Kinderbespaßungsräume. Auf den Pariser Spielplätzen sind nämlich nahezu alle Geräte mit einem deutlich sichtbaren Signet versehen, das offenbar für Eltern zumindest zur Orientierung dienen soll, für welche Altersgruppe diese Gerätschaft geeignet ist. Wie deutsche Eltern ohne solche Hilfen zurecht kommen, weiß ich nicht, aber kennt jemand Statistiken über Unfälle auf Kinderspielplätzen im Ländervergleich? Vielleicht hilft das wirklich.

Nur interessiert es die Kinder natürlich praktisch gar nicht. Das kleine Kind klettert sowieso auf alles, was nicht bei Drei abgebaut wurde, wenn es irgendwie hoch kommt, und ist sehr frustriert, wenn nicht; die französischen Kinder halten es genauso, und ihre Eltern lassen sie gewähren, so lange der Abgrund nicht allzu tief dräut.

Bislang haben wir nicht herausgefunden, warum genau es auf Pariser Spielplätzen keine normalen Schaukeln mehr gibt, aber auch hier vermuten wir Versicherungs- und Haftungsgründe. Vereinzelt stößt man einmal auf Rundumsicherschaukeln, bei denen man das Kind gewissermaßen in einen Korb hineinsetzt, und die im Zweifel vor allem dadurch gefährlich werden, daß das Kind rausklettern will und dabei richtig tief stürzt. Eine zugezogene Französin erzählte uns jedenfalls, Parkschließungen wie Schaukelmangel seien spezifisch Pariser Neurosen; in der Provinz sei man da nicht so verklemmt.

Bei all dem Sicherheitsgetue fürs Kindeswohl ist es dann aber doch irritierend, etwas Anderes zu beobachten. In den Schulferien und an Mittwochen (an denen Vor- und Grundschüler_innen keinen Unterricht haben) übernehmen hierzulande die sogenannten Centres de loisirs, “Freizeitzentren” quasi, die Kinderbetreuung. Diese machen mit den Kindern tolle Sachen und gerne auch Ausflüge in Parks oder ins Umland, und damit die Kinder im Notfall wieder an der richtigen Stelle abgegeben werden, bekommen sie alle ein Schildchen mit Anschrift und Telefon des jeweiligen Centre.

Allerdings hängen manche Einrichtungen ihren Kindern diese Schilder an Nylonschnüren um den Hals. So eine Horde Kinder mit Autoasphyationsapparaturen auf dem Spielplatz zu sehen macht mich immer sehr nervös. Aber vielleicht bin ich da einfach zu sehr in deutschem Sicherheitsdenken befangen.

French Friday: Wenn es schneit in Paris

Abt. für French Friday

Wer aus dem Kölner Raum stammt, kennt den Witz mit den zwei Schneeflocken, die sich zufällig treffen, und die eine sagt: “Komm, wir fliegen nach Köln, Verkehrschaos spielen!”

Ganz so schlimm ist es hier eigentlich nicht, aber so ganz genau weiß man das auch deshalb nicht, weil es zumindest im Pariser Stadtgebiet überhaupt selten schneit. Der vergangene Winter etwa, in dem bekanntermaßen (was wir freilich nur aus zweiter Hand und aus dem FernsehenInternet wissen) ganz Deutschland monatelong unter einer festgefrorenen Schicht von Schnee und Eis gefangen war, haben wir bei zwar relativ kühlen Temperaturen, aber doch meist ohne Schnee hinter uns bringen können. An einem Wochenende lag einmal etwas mehr als ein Hauch von Schnee, und wir haben erst viel zu spät bemerkt, daß die nicht obrigkeitshörige Fraktion der Pariser Bürger_innen des 14. Arrondissement eine hügelig abfallende Wiese im (übrigens sehr schönen) Parc Montsouris trotz Rasennutzungsverbot (wie jedes Jahr ist dort “pelouse en repos”, also die Wiese gewissermaßen im Winterurlaub) kurzfristig zur Rodelpiste umdeklariert hatte. So stand leider unser Schlitten brav und trocken im Keller, und für’s Plastiktütenfahren war die Schneedecke dann doch zu dünn.

Das eigentlich Überraschende war ja übrigens, daß der Park überhaupt geöffnet war. Denn normalerweise werden Parks in Paris nicht nur bei heraufziehenden Unwettern (Gewitter, Stürme, dergleichen) geschlossen, sondern eben auch bei Schnee oder Glatteisgefahr. Was konkret bedeutet, daß im Winter immer wieder (und nach für uns letztlich nicht ganz nachvollziehbaren Kriterien) die Grünanlagen und natürlich vor allem auch die darin befindlichen Spielplätze schlichtweg nicht erreichbar sind.

Die Gründe dafür sind uns nach wie vor schleierhaft, auch wenn wir die Vermutung hegen, daß es wohl ganz banal Versicherungsgründe haben könnte – denn gelegentlich, wenn ein Park dann trotz “Wintereinbruchs” dennoch geöffnet wird, dann wird man mit großen Schildern auf seine eigene Verantwortung hingewiesen und zurückgeworfen. Die Stadt will es halt nicht schuld sein und geht lieber auf Nummer Sicher.

French Friday: Die unhörbare Mittagsglocke

Abt. für French Friday

In Jacques Tatis wunderbarem Film Les vacances de Monsieur Hulot (Die Ferien des Monsieur Hulot) von 1953 gibt es einen kleinen Running Gag (einen unter vielen). Jeden Tag werden die Feriengäste in dem Nachkriegsbadeort irgendwo an der französischen Küste – zentraler Schauplatz ist ein Hotel direkt am Strand – von einer Glocke zum Essen gerufen, und immer leert sich der Strand mit dem Geläute innerhalb weniger Minuten komplett.

Das wäre nun eine putzige Beobachtung aus dem bürgerlich-französischen Urlaubsleben von vor fast sechzig Jahren, hätte es nicht seine Entsprechung in der ganz gegenwärtigen Realität des allerdings wohl nicht minder bürgerlichen Paris der Gegenwart.

Unter der Woche sieht man hier ja für gewöhnlich kaum Kinder auf den Straßen, was schlichtweg daran liegt, daß mehr als neunzig Prozent der Kinder, die dafür irgendwie alt genug sind, hier in Betreuung sind, meist, weil nun einmal beide Eltern arbeiten gehen müssen. Die Kinder, die auf den Spielplätzen dennoch auftauchen, sind also entweder ausländischer Herkunft (hier!) und vielleicht noch nicht in Betreuung, oder sie sind mit “Kindermädchen” oder Tagesmüttern (nounous, assistant(e)s maternel(le)s, wasauchimmer) unterwegs – und gelegentlich, in den Ferien oder sonst mittwochs, sind noch Kinderhorden aus einem der Freizeitzentren anwesend.

Pünktlich um 12 Uhr aber scheint irgendwo, unhörbar, eine Glocke zu klingeln – innerhalb von fünfzehn Minuten sind die Spielplätze wie leergefegt, wer noch übrig bleibt, ist sicher nicht französischer Herkunft. Denn jetzt wird das Mittagessen zu sich genommen. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese öffentlichen Räume leeren, ist für mich so bizarr wie komisch. Und während man natürlich vorzüglich lästern könnte über eine derart gleichgeschaltete und -getaktete Gesellschaft spielt doch etwas anderes womöglich die größere Rolle: Daß man hier dem Essen, und nicht zuletzt dem Mittagessen, eine große Rolle im Tagesablauf zuspricht.

Dafür spricht etwa, daß in den Kitas und Kindergärten das Mittagessen täglich mehrere Gänge umfaßt (alternierend abschließend mit Käse oder Dessert) und daß es hier nach wie vor, Wirtschaftskrise hin, teure Preise her, sehr üblich ist, mittags zu einer kleinen Mahlzeit, aber dennoch richtig ins Restaurant essen zu gehen. Ein kleiner Rotwein darf es dazu gerne sein.

French Friday: Willkommen in Paris!

Abt. für French Friday

Es gibt verschiedene und verschieden angenehme Weisen, nach Paris zu kommen und vor allem: in Paris anzukommen. Das Auto ist nur Hardcore-Masochist_innen zu empfehlen, gar nicht unbedingt wegen der furchtbaren Fahrweise, die angeblich in Frankreich gepflegt werde – dem ist nämlich gar nicht so, man fährt hier pfleglich, aber eben den jeweils eigenen Schuh, und gibt auf die Schuhe der anderen acht. Fährt also drauf los und läßt fahren – freie Fahrt, ganz ADAC, für freie Bürger_innen der Grande Nation. Aber ich schweife ab, das wird wohl noch einige Male vorkommen im Durchschweifen meiner Frankreicherfahrungen.

Abzuraten vom Auto ist also vor allem wegen der Périphérique, jener berüchtigten Rundautobahn, die zugleich die Stadtgrenze Paris’ markiert, als ob man möglicherweise nicht heil oder jedenfalls nicht an einem ganzen Pariser Stück sie passieren könnte, und die mit Verkehr meist so beladen ist, das man nur am ganzen Körper zitternd mehr als ein paar Ausfahrten hinter sich bringen kann, so lange man nicht geübte_r Pariser_in ist, die machen das schließlich jeden Tag.

So furchterregend ist die Périphérique, daß vor zehn Jahren, als ich allgelegentlich aus persönlichen Gründen zwischen London und Paris mit dem Bus hin- und herreiste, es einmal geschah, daß der Busfahrer beim Einfahren in die berüchtigte Ringstraße die falsche Richtung nahm. Und offenbar muß der gute Mann so viel Angst vor dem Ab- und Wiederauffahren auf diese Straße gehabt haben, daß er nicht etwa die nächste Möglichkeit nutzte, um umzukehren – der Busbahnhof war, in der anderen Richtung, wirklich nur wenige hundert Meter entfernt gewesen -, sondern stattdessen eine geschlagene Stunde lang gemütlich in der anderen Richtung einmal um Paris herumjuckelte.

Kommt man hingegen, wie wir es aus familiär-geographischen Gründen gelegentlich tun (ja, unsere Ökobilanz ist, seit wir in Paris leben, sowas von im Arsch – aber, nur zum Beispiel, unsere Fenster sind eh nur Einfachverglasung, und unser Strom mit ziemlicher Sicherheit Atomstrom. Wir Schweine) aus Nürnberg mit dem Flugzeug in Paris an, findet man sich am Flughafen Paris-Charles de Gaulle (CDG) wieder; allerdings genau genommen nicht irgendwo auf diesem Flughafen, sondern am Terminal 2G. Das ist gefühlsmäßig gesehen ungefähr so, als wollte man nach Bonn und würde von einem Flugzeug irgendwo noch hinter der Eifel auf einer Kuhweide abgesetzt.

Terminal 2G nämlich ist das hinterste Loch von CDG, der Wurmfortsatz am Dickdarm des Flughafens – natürlich handelt es sich um eine gepflegte, wenn auch stets etwas leer wirkende Halle, doch bedarf es, nur um bis zur Bahnstation vorzudringen, dem allerletzten Halt der an Halten nicht armen RER-Linie B (den man sich als eine Art S-Bahn vorstellen muß, nur ohne Wartungsprobleme), von ihr aus noch einer Busfahrt von zehn Minuten. Und bis in die Stadt ist man insgesamt länger unterwegs, als man vorher im Flugzeug saß. Aber das sind Petitessen, das ist auf allen großen Flughäfen großer Städte vermutlich so.

Richtig unangenehm wird es, wenn man Paris von CDG aus in Richtung Nürnberg verlassen will. Dafür wollte man beim Bau des Flughafens wohl nicht einmal Verständnis heucheln. Denn nach einer Dreiviertelstunde bis Stunde Fahrt mit der RER (falls nicht gerade wieder gestreikt wurde, was gefühlt mindestens zweimal im Monat der Fall ist) muß man sich dann erstmal mit Koffern und Kindern mehrere Treppen aufwärts bewegen, der Aufzug ist gerne einmal außer Betrieb. Dann gelangt man auf einen besseren Treppenabsatz mit Zugang zu einem zugigen Stück Bürgersteig, wo, wenn man der etwas unklaren Beschilderung glauben mag, eine Navette, also ein Pendelbus, Menschen zum Terminal 2G bringen möchte. Vielleicht.

Sicher mag man sich dessen vor allem deshalb nicht sein, weil eine andere Navette nicht nur mit Schildern angekündigt wird, sondern einen eigenen Bildschirm hat, der ihre nächsten Ankunftszeiten anpreist, mit den zu erreichenden Zielen hausieren geht etc. Dort, wo vielleicht noch Platz für einen zweiten Bildschirm für die zweite (unsere!) Navette wäre, glimmt ein rotes Lämpchen an einem ansonsten nicht funktionsfähigen Gerät, das vielleicht früher einmal in zwei rohen digitalen Ziffern die Zahl der Minuten bis zur nächsten Abfahrt eines Busses anzeigte.

Aber dennoch, der Bus kommt dann wirklich. Weil sich aber die Flughafenplaner_innen nicht für Menschen interessierten, die hier vielleicht einsteigen möchten, hält der Bus rechts neben dem Stück Bürgersteig, was dazu führt, daß sämtliche Fahrgäste auf die Straße und um den Bus herumgehen müssen, um einsteigen zu können. Was, ganz nebenbei, natürlich auch sehr barrierefrei ist. Not.

Aber wenigstens ist man danach wirklich, wirklich froh, aus Paris weg zu sein. Wie sagte es doch der zu Recht unsterbliche Douglas Adams:

It is no coincidence that in no known language of the galaxy does there exist the expression ‘as beautiful as an airport’.

(Erwähnte ich, daß Paris-Orly von uns bequeme zwanzig Minuten mit dem Bus entfernt ist? Praktisch kleiner Flughafen.)

Ein Weihnachtsbrauch

Abt. für pralles Leben

Vor langer, langer Zeit, als die Liebste und ich noch gar nicht gemeinsam Weihnachten feierten, nicht aus Mangel an Liebe sondern an Zuwachs (aus irgendeinem Grund haben wir uns erst mit eigenem Kind entschlossen, nicht mehr mit unseren Eltern zusammen Weihnachten zu feiern. Es war sicher nicht Mitleid, dieser Grund), besuchten wir die Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Tante von mir hat sich dort mit ihrem Mann einen veritablen Altersruhesitz in einem kleinen Ort erbaut, der im Jahr unseres Besuches – es war schon Herbst – allerdings gerade von einer heftigen Flut betroffen war, weil der angrenzende Fluß, schon in seinem Normalzustand nicht eben ein Minimalgewässer, weit über die Ufer getreten war. Das Haus steht fast direkt am Ufer auf einer Anhöhe, das macht seinen Reiz aus, aber der Keller und sein Inhalt waren trotzdem hinüber, und auch im Erdgeschoß gab es einiges zu putzen.

Der kleine Ort hat, wie es sich für amerikanische Dörfer gehört, eine Historical Society, und auch wenn für europäische Augen und Ohren die dort verhandelte Geschichte immer etwas behüstelnswert wirkt, so winkte uns doch etwas ins Haus der Gesellschaft: Ein Basar. Es ist eben nicht so viel los dort auf dem Lande, da nahmen wir diese Abwechslung schon kuriositätenhalber mit.

Es gab allerlei Schnickschnack und abgelegte Dinge zu kaufen, einem amerikansichen Garage Sale nicht unähnlich; und zwischen all dem Tand und Kram auch Weihnachtsdekoration. Sehr amerikanisch war das größtenteils und Plastik, ein lustiges Rentier etwa mit Lichterkette im Geweih. Und diese Sache mit der Gurke müßten wir ja kennen.

(Sehr schnell war klar geworden, woher wir stammen, ist doch meine Tante die einzige deutschstämmige Person in der ganzen näheren Umgebung.)

Müßten wir wieso? Nun, das sei doch eine deutsche Tradition: Eine solche Glitzergewürzgurke werde in den Baum gehängt, vom Tannengrün gut versteckt, und wer sie (vor allem wohl: von den Kindern) als ersteR finde, der oder dem werde ein besonderes Geschenk zuteil.

Leider mußten wir den Damen von der Historical Society gestehen, daß uns, obgleich aus verschiedenen Regionen Deutschlands stammen, ein solcher Brauch beiden unbekannt sei. Aber schön sei die Gurke doch, und wir würden sie gerne mitnehmen und hoffen, daß wir sie an einem Stück über den Atlantik brächten.

Und nun haben wir gerade einen Baum geschmückt, was wir seit einigen Jahren gemeinsam tun; und am Morgen werden die Kinder sich hoffentlich über den Baum freuen und wundern, wir werden deutsche und französische Weihnachtslieder durcheinander hören, Ente essen und vielleicht auch ein bißchen Foie Gras, dann gibt es sicher auch das eine oder andere Geschenk; und mal sehen, wer sie zuerst findet.

Am Weihnachtsbaume

Frohe Festtage Euch allen.

Geschichte als Überraschung im Alltag

Abt. für French Fries

Es ist bemerkenswert, daß ich hier fortwährend an deutsche Geschichte erinnert werde, mehr noch als in Berlin an die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Morgen, am 11. November, ist Gedenktag der Armistice, des Waffenstillstands am 11. November 1918, und natürlich wird das Begangen, mit einem Feiertag zumal. In unserem Viertel gibt es viele Straßen, die nach Helden der Résistance benannt sind oder nach Helden der Befreiung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Der Beispiele sind mehr.

Das hat sicher nicht nur damit zu tun, daß die deutsche und die französische Geschichte gerade im 20. Jahrhundert kaum auseinanderklambüsbar sind. Und gestern etwa bin ich ohne große Fremdbedrängung zur hiesigen Kurzfeier zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gegangen. (Von der ich aus der deutschen Presse erfahren hatte. So ganz besonders toll war es übrigens nicht.)

Stattdessen liegt es wohl auch daran, daß ich hier fremd bin; daß das Leben in der Fremde zumindest meiner Erfahrung nach immer zugleich eine größere Sensibilität für “das Eigene” hervorruft. Erst im Ausland beginnt man zu begreifen, was das bedeuten könnte, “Deutsch” zu sein – und das meine ich gar nicht im Sinne einer irgendwie patriotischen oder auch nur am Konzept einer “Nation” ausgerichteten Kategorie, sondern nur als relativ beliebige Benennung eines keineswegs monolithischen kulturellen Zustands, der unter anderem mein Bewußtsein mit hervorgebracht und geprägt hat.

Vielleicht erscheint es mir auch nur so, weil ich hier leichter überrascht werde; in Berlin, wo man ja nun wahrhaft über Geschichte nicht weniger stolpert als in Paris, bin ich vermutlich mit dem Alltagsblick des Geschäftigen über all die Bruchstücke, Einschußlöcher, Stolpersteine (diese sind noch mit am effektivsten, aber das nur am Rande) etc. hinweggegangen, weil sich diese Erinnerungs- und Gedenkorte, Denkmal oder nicht, dann doch in die Wahrnehmung einschleifen, aber nicht mehr wahrgenommen werden.

Das würde hier vermutlich auch passieren, wenn ich lange genug in Paris bliebe. Aber noch genieße ich es sehr, wenn meine aufgeraute Wahrnehmung mir hier noch Überraschungen bereitet.

Medienkonsum in Zeiten des Aufbruchs

Medienkonsum in Zeiten des Aufbruchs

Romantisches Fernseharrangement im Umzugschaos.

Es gab auch Torte

Abt. für pralles Leben

Torte

Direkt vor uns war ein Frauenpaar. Das erschien uns irgendwie passend.

(Aber weder trug ich Fliege noch sie ein weißes Kleid.)

Lektionen über Frankreich (2)

Abt. für French Fries

  • Paris-Wohnungsgesuche über Craigslist werden nur von Scammern aus Nigeria beantwortet.
  • MaklerInnen hingegen antworten meist nicht auf Anfragen aus der Ferne. Angeblich hilft Hingehen.
  • Auch bzw. eigentlich gerade nach 1970 in Frankreich gebaute Wohnungen sind immer wieder gerne mit elektrischen Heizkörpern ausgestattet. So furchtbar ist Atomstrom.

Lernen geht schnell

Lektionen über Frankreich (1)

Abt. für French Fries

Kaum fünf Tage auf der Suche, schon haben wir bei der Wohnungssuche einiges gelernt:

  • Pariser MaklerInnen sind nicht unbedingt ExpertInnen im Umgang mit neuen Technologien (WWW, E-Mails); Höflichkeitsfloskeln am Beginn und Ende von E-Mails sind schon ein echter Bonus. Falls elektronische Anfragen überhaupt beantwortet werden. (Marktlücke: Web-2.0-Beratung für Immobilienagenturen)
  • Wenn etwas in Pariser Parks bei Google Maps blau durch die Bäume schimmert, ist das nicht unbedingt ein Wasserbassin, sondern womöglich eher ein Spielplatz. So wie dieser hier:


    Größere Kartenansicht

    It’s fantastic, but it’s plastic.

Westward Ho!

Abt. für pralles Leben

Les jeux sont faits.

Als meine Tasche plötzlich verschwunden war, wurde mein Französisch schlagartig besser.

Ich hatte gerade die Liebste zum Bahnhof gebracht, die Fahrt ging zurück nach Deutschland mit dem letzten Sack und Pack, der noch in Paris verblieben war. Ihren Schlüssel hatte ich noch, denn auf ihrem Bett lagen noch, ziemlich wenig verstaut, meine diversen Sachen herum. Am Abend würde ich meinen Bus nehmen, zurück nach London, für meine letzten Wochen im Ausland. Ich stromerte noch ein wenig durch die Stadt, bevor ich dann doch in ihr Studentinnenzimmer ging, um meine Tasche zu packen und den Schlüssel beim Concièrge loszuwerden.

Die Tasche war weg, meine Sachen auch, alles fein säuberlich aus dem Zimmer geräumt. Der Concièrge allerdings – eher eine Art Verwalter oder Hausvater im StudentInnentaubenschlag – war nicht da, die anderen BewohnerInnen der Etage ahnungslos. Die Details sind uninteressant, jedenfalls wurde mein Zungenschlag schneller, längst vergessenes Vokabular drängte sich nach vorn. Auch der Verwalter wußte nichts vom Verbleib meiner Sachen; ob vielleicht die Putzfrau sie weggeräumt hatte?

Glücklicherweise ließ diese sich über ihr Mobiltelefon – daß sie zu der Zeit schon eins besaß! – ausfindig machen, noch bevor sie in ihr weit entferntes Zuhause in den Banlieues zurückgekehrt war, und so kam ich noch rechtzeitig wieder in Besitz meiner Tasche. Und meines Bustickets.

Das war 2000, und Frankreich wurde kurz darauf Europameister, was mir nur deshalb noch bewußt ist, weil ich, während ich auf die Rückkehr der Putzkraft wartete, in der im Keller befindlichen Küche – here be cockroaches! – eines der Endrundenspiele zumindest teilweise sehen konnte. Es war spannend, aber wer gespielt hat, weiß ich nicht mehr.

***

Ende Dezember werden die Liebste und ich mitsamt den zwei Zwergen für voraussichtlich zwei bis drei Jahre nach Paris gehen. Wir lassen eine Menge zurück, Freunde und Kollegen, Netzwerke und liebgewonnene Orte. Aber die Prinzessin hat ein Angebot bekommen, das sie nicht ausschlagen konnte, so haben wir beide das gesehen. Jetzt also, mit einem rotgeränderten Triefauge, machen wir uns zunächst an die Vorbereitungen.

Ich selbst werde ab Januar Elternzeit nehmen, wie es eh’ geplant war; irgendwann zu Beginn der zweiten Jahreshälfte kann ich dann auch wieder arbeiten. Mein Französisch, das bislang eher schwachbrüstig ist, wird bis dahin sicher mindestens um sämtliche Begriffe aus dem Bereich der Kindeserziehung und der Lebensmittelbeschaffung erweitert worden sein.

Und natürlich würde ich mich freuen, von Euch Anregungen zu bekommen zu allen möglichen Fragen und Unsicherheiten, denen wir uns stellen müssen:

  • Wo kann man in Paris gut und schön mit zwei Kindern wohnen? – Ein Park sollte in der Nähe sein, Spielplätze…
  • Habt Ihr Erfahrung mit Kinderbetreuung in Paris? Wie finde ich etwas, das (auch pädagogisch) unseren Vorstellungen entspricht?
  • Wenn Ihr Ideen habt, wo ich als halbwegs sprachgewandter Kulturjournalist mit Bereitschaft zur freien Zeiteinteilung in Paris sinnvoll Anschluß und/oder Arbeit finden kann?

Ich bin für alle Hinweise, Vorschläge und Erfahrungsberichte offen.

***

Hier geht’s natürlich weiter, ab Januar mit einem Expat-Blick auf Paris. Bleibt mir gewogen. :-)

41 Stunden im Aufzug

Abt. für pralles Leben

Nicholas White saß 41 Stunden in einem Aufzug fest. Ohne Essen, Trinken oder Telefon. Immerhin hatte er noch drei Zigaretten dabei. Der New Yorker hat eine lange Story dazu, vor allem aber ein Zeitraffervideo aus den Aufnahmen der Überwachungskamera.

(via)

Abrüstung

Abt. für pralles Leben

Vor dem Bürofenster wird gerade das Fassadenbearbeitungsgerüst nach erfolgter Fassadenbearbeitung abgenommen. Unter lautem Scheppern und ständigem raschem Herabgleiten von Gerüstbauteilen in die Hände bereitstehender Gerüstabbauarbeiter.

Aus dem Augenwinkel sieht das immer sehr dramatisch herabstürzend aus, und das Scheppern tut das seinige dazu. Es arbeitet sich sehr nervös, so.

Staub

Abt. für pralles Leben

Na großartig: daheim packen wir für den Umzug fröhlich verstaubte Bücher in dann staubige Kisten (*hust*), und hier im Büro fieselt der Feinstaub von den Fassadenarbeiten durch die Fenster und Türen (*hust*). Der Kaffee klumpt schon mit anschwellend vollgesogenem Mauerwerk. Gesundheit!

(Wo endet der Reizhusten, wo beginnt die Staublunge?)

Herbst. Metallteile fallen, fallen wie von selbst.

Abt. für Berlinalia, pralles Leben

Wir haben eine neue Fassade bekommen. Präziser: Nachdem unser Haus jetzt etwa vier Wochen lang eingerüstet war (natürlich die vier Wochen, in denen es auch noch einmal richtig sonnig wurde) und die Fensterscheiben nach vorne schön mit hellblauer Folie abgeklebt waren (gegen den Dreck – sehr rücksichtsvoll, wir fühlten uns wie im Aquarium, blubb blubb, zumal die Luft dick wie Wasser wurde: die Folie verhinderte ja auch das Lüften) erstrahlt es jetzt in einer weinrot angehauchten Farbe, über deren ästhetische Meriten noch keine Einigkeit erzielt wurde. Wenigstens blieben die Fensterrahmen weiß, und unser Balkon erstrahlt auf der Innenseite ebenfalls hell, was doch die Erwartung auf sommerliche Frühstückssitzungen deutlich schöner macht. (Merke: Hell frühstückt es sich besser, sonst nickt und tunkt man immer wieder (in den Kaffee) ein.)

Aber ich schweife ab. Vergangenen Montag wurde also das Gerüst abgebaut – nach einer Aufbauzeit von vier bis acht Tagen (gibt es einen technischen, vielleicht statischen Grund dafür, daß das Gerüst so langsam aufgebaut wurde?) verschwand es jetzt am Ende der Bauarbeiten innerhalb eines Arbeitstages komplett. Die Folie war schon vor dem Wochenende entfernt worden, aber jetzt wurde es (mit Sonne!) gleich richtig hell. Sehr schön. Endlich wieder Fenster aufreißen! Das haben wir dann auch, schön der Reihe nach, mit allen Fenstern einmal gemacht.

Vielleicht wurde das Gerüst doch etwas sehr rasch abgebaut. Als die Prinzessin am Dienstagmorgen eines der Fenster zum ersten Mal öffnete, fand sie folgenden Gegenstand auf unserer doch eher schmalen Fensterbank vor (nein, nicht das Zehn-Cent-Stück, den anderen Gegenstand):

Vom Fensterbrett

Nicht unbedingt sehr schweres, aber doch massives Metall. Das macht große, große Löcher, wenn es unten ankommt. Je länger ich darüber nachdenke, was, z.B. bei einem Sturm, hätte passieren können, wenn wir dieses Mordinstrument nicht rechtzeitig gefunden hätten (oder versehentlich hinabgestoßen hätten – wer rechnet denn mit sowas?) desto mehr fröstelt es mich. Und das liegt wirklich nicht am Wetter.

Auf die Erklärung der Gerüstbaufirma bin ich jedenfalls gespannt.

Und wenn ich mal wieder atmen kann

Abt. für pralles Leben

und nach Luft schnappen und mein Gehirn ein wenig durchpusten, dann schreibe ich vielleicht auch hier mal wieder ein bißchen was. Doch, doch, bestimmt irgendwann.

Lederner Minirock und Sensenmann-Plätzchen

Abt. für Parallelgesellschaften, pralles Leben

Burkhard Müller von der Süddeutschen hat – mit durchaus sehr reflektierter Distanz zur Szene – das Leipziger Wave-Gothic-Treffen besucht und fand’s ziemlich gut, ein bißchen campy und recht erwachsen.

“No Logo” bezeichnet hier keinen Schlachtruf von Attac, sondern an der Nähmaschine geübte Praxis. Meine Begleiterin hat ihren blauen Reifrock aus einem Posten alten Sitzbezugstoffs der Interflug hergestellt, acht Meter zu zwölf Euro; das Resultat ist beeindruckend. Nur so findet die Diskrepanz von Prachtentfaltung und den schmalen Budgets der jungen Ostdeutschen, die doch die Mehrheit der Anwesenden bilden, ihre Erklärung.

Am Ende eines langen Tages hat man gelernt, unter allen Skurrilitäten den Grundzug im Willen zur gänzlich unbrauchbaren Schönheit zu erkennen. [...] Nach einem Tag auf dem WGT wirkt der gewöhnliche Leipziger, wie er einkauft oder seinen Hund ausführt, daneben zerknittert, farblos und generell vernachlässigt.

Still sind die Menschen und ruhig:

Da der angestrebte Ausdruck so sehr im Kleid liegt, sind die WGT-Besucher eine ruhige Sorte von Leuten. Ein Paar sitzt am Nebentisch in der Leipziger Moritzbastei, sie erheben sich, er hilft ihr in den Mantel, sie nimmt die Hundekette zur Hand, die ihm am Hals festgemacht ist, und man bricht auf.

Wie ruhig das alles vonstatten geht, bemerkt man erst, wenn doch einmal ein paar Einzelne darunter sind, die das ungut Muntere ausstrahlen, wie Norddeutsche es an sich haben können.

Meine Schwester, die vor einiger Zeit für ein Jahr in Leipzig weilte, erzählte, wie damals leise Furcht vor marodierenden Horden durch die Stadt ging, weil das Treffen ausfiel, nachdem sich der Veranstalter abgesetzt und die ganze Chose in die Pleite gerissen hatte. Statt aber ihrem Ärger durch Demontage der Innenstadt Luft zu machen, saßen die jungen Menschen in Schwarz und Farbe ein wenig traurig in der Gegend herum, trafen sich also trotzdem, wenn auch ohne Musik, und waren ruhige, angenehme Zeitgenossen.

Keine Frage (nur eine Antwort)

Alles Gute!

Abt. für pralles Leben

flickr-Photo

für Annabell und ihre Liebste. (Hier ist der Kuchen.)

Dies ist eine virtuelle Hochzeitsparty. Glückwünsche z.B. hier hin. Oder hier.

Suche

Werbung

Neue Trackbacks

Kapitalismus

Meine anderen Baustellen

Kapitalismus 2.0

Mousepad

Technicalities