Man muß ja den “Theaterskandal”, über den jetzt allenthalben herumgewurschtelt wird, nicht unbedingt ernstnehmen. Der Regisseur findet es befremdlich, wie Politik und Theaterleitung reagierten, und wenn man das wehleidige Interview liest, das Gerhard Stadelmaier der Süddeutschen gegeben hat, dann ahnt man, daß hier noch anderes im Spiel sein könnte. Nicht unbedingt die “Mann oder Memme”-Frage, die Thomas Knüwer ins Gespräch brachte. (Der damit zugleich ganz unschöne Geschlechterfragen touchiert: Darf denn ein Mann keine Memme, kein verweichlichter Kritiker sein? Doch, darf er. Auch wenn’s nervt.)
Aber letzten Endes geht es Stadelmaier natürlich – man ist Ästhet – um die große Kunst:
Das Verhalten des Schauspielers folge der «strukturellen Logik» eines Theaters, das alle Grenzüberschreitungen schon «durchdekliniert» habe und dem der Übergriff auf den Kritiker als letzte Provokationsmöglichkeit bleibe, schreibt Stadelmaier in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ).
Das von Intendantin Elisabeth Schweeger zu verantwortende Problem des Frankfurter Theaters bestehe darin, «dass dort Schauspieler keine Rollen spielen – sondern Lebensgefühle».
Das schreibt die Netzeitung von dpa ab, und wenn man das alles liest, bekommt man nicht nur den Eindruck einer gewissen Weinerlichkeit, sondern auch, daß hier ein durchaus unangenehmer Vorfall nach einer gewissen affektiven Aufbauschung jetzt als kulturpolitischen Waffe eingesetzt werden soll – und der demonstrative Verweis auf die Gefährdung der Pressefreiheit (bedroht in Form von Körper und Notizblock des Kritikers) ist sein stärkstes und sein schwächstes Argument.
Denn natürlich ist die Pressefreiheit nicht bedroht: Herr Stadelmaier durfte ja aufschreiben, was ihm am Herzen lag. Und darf es noch. Oder nicht mehr lange, wie Christoph Schlingensief meint?
Jetzt ist Herr Stadelmaier endlich im Club der Peinlichen angekommen. [...] das Notizblut als Schweißtuch, das gerade ist ja das Peinliche. Er stilisiert sich immer noch als Theaterkritikergott, aber die Zeiten sind vorbei, nur er hat es noch nicht gemerkt. Im Theaterbereich gilt er allgemein als betonierter Betonkopf, und ich glaube sogar, dass auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ihm ganz bewusst so viel Platz zur Selbstdarstellung einräumt, weil dieser Mann für das Blatt fast nicht mehr tragbar ist.