In Jacques Tatis wunderbarem Film Les vacances de Monsieur Hulot (Die Ferien des Monsieur Hulot) von 1953 gibt es einen kleinen Running Gag (einen unter vielen). Jeden Tag werden die Feriengäste in dem Nachkriegsbadeort irgendwo an der französischen Küste – zentraler Schauplatz ist ein Hotel direkt am Strand – von einer Glocke zum Essen gerufen, und immer leert sich der Strand mit dem Geläute innerhalb weniger Minuten komplett.
Das wäre nun eine putzige Beobachtung aus dem bürgerlich-französischen Urlaubsleben von vor fast sechzig Jahren, hätte es nicht seine Entsprechung in der ganz gegenwärtigen Realität des allerdings wohl nicht minder bürgerlichen Paris der Gegenwart.
Unter der Woche sieht man hier ja für gewöhnlich kaum Kinder auf den Straßen, was schlichtweg daran liegt, daß mehr als neunzig Prozent der Kinder, die dafür irgendwie alt genug sind, hier in Betreuung sind, meist, weil nun einmal beide Eltern arbeiten gehen müssen. Die Kinder, die auf den Spielplätzen dennoch auftauchen, sind also entweder ausländischer Herkunft (hier!) und vielleicht noch nicht in Betreuung, oder sie sind mit “Kindermädchen” oder Tagesmüttern (nounous, assistant(e)s maternel(le)s, wasauchimmer) unterwegs – und gelegentlich, in den Ferien oder sonst mittwochs, sind noch Kinderhorden aus einem der Freizeitzentren anwesend.
Pünktlich um 12 Uhr aber scheint irgendwo, unhörbar, eine Glocke zu klingeln – innerhalb von fünfzehn Minuten sind die Spielplätze wie leergefegt, wer noch übrig bleibt, ist sicher nicht französischer Herkunft. Denn jetzt wird das Mittagessen zu sich genommen. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese öffentlichen Räume leeren, ist für mich so bizarr wie komisch. Und während man natürlich vorzüglich lästern könnte über eine derart gleichgeschaltete und -getaktete Gesellschaft spielt doch etwas anderes womöglich die größere Rolle: Daß man hier dem Essen, und nicht zuletzt dem Mittagessen, eine große Rolle im Tagesablauf zuspricht.
Dafür spricht etwa, daß in den Kitas und Kindergärten das Mittagessen täglich mehrere Gänge umfaßt (alternierend abschließend mit Käse oder Dessert) und daß es hier nach wie vor, Wirtschaftskrise hin, teure Preise her, sehr üblich ist, mittags zu einer kleinen Mahlzeit, aber dennoch richtig ins Restaurant essen zu gehen. Ein kleiner Rotwein darf es dazu gerne sein.









