re:publica 2010 – Eine Frage von Freiheit

Ein Gesamtbild zur re:publica 2010 kann ich nicht schreiben und mag ich mir nicht machen; dafür habe ich von den Panels und Diskussionen schlichtweg zu wenig gesehen. Glücklich und übervoll bin ich trotzdem abgefahren, weil ich viele tolle Menschen wiedergesehen und vor allem: sehr viele zum ersten Mal persönlich getroffen habe, von denen ich tagtäglich kluge Dinge lese.

Eine Diskussion außerhalb des Themenbereichs Gender (zu dem bei Gelegenheit im Genderblog noch mehr) hat mich allerdings doch ziemlich aufgeregt, nicht nur und unbedingt negativ, nämlich „Kann denn Freiheit grenzenlos sein?“ zwischen @plomlompom (Christian Heller) und @baranek (Dirk Baranek), von @mspro (Michael Seemann).

Die Diskussion (die ich leider nicht bis zum Ende verfolgen konnte) ist inzwischen, für diejenigen, die gar nicht da sein konnten, als Video verfügbar:

Daß das Publikum in seiner großen Gänze nicht eben mit den als „sozialdemokratisch“ apostrophierten Vorstellungen @baraneks konform ging, war ja nun so zu erwarten gewesen, und er selbst dürfte bereits vorher davon ausgegangen sein, daß er eher als Advocatus diaboli diente denn als tatsächlicher Diskussionspartner, dessen Positionen man ernst nimmt und wenigstens zu prüfen bereit sei.

Irritiert war ich aber doch, daß @plomlompom so wenig Widerspruch fand. Denn an seinen Vorstellungen fand ich einiges kritik- und diskussionswürdig, wenn nicht gar, in einzelnen Fällen, völlig untragbar. Ich habe während der Veranstaltung keine Notizen gemacht (und habe jetzt weder Zeit noch Lust, mir die Diskussion noch einmal anzusehen), deswegen mögen einzelne meiner Darstellungen im folgenden nicht ganz präzise sein, dann bitte ich um Korrektur.

@plomlompom selbst hat die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sich spiegelnden Werte und Normen als die durchaus historisch spezifischen erkannt und benannt, die sie sind. Allerdings gaben weder er noch seine Befürworter_innen in der Diskussion irgendwie zu erkennen, daß sie ein ähnliches Bewußtsein von historischer Verfaßtheit auch für den Freiheitsbegriff besitzen, der für das Internet und ihr dortiges Umtun in Anspruch genommen wurde. Dieser ist aber nicht weniger konstruiert und letzten Endes arbiträr.

Die Freiheit, von der dabei die Rede ist, ist auch eine sozial spezifische; die Möglichkeit, diese Freiheit in Anspruch zu nehmen, ist ebenso wie die Möglichkeit, darüber überhaupt zu diskutieren, nicht universal. Eine Reflexion über diesen historischen „Ort“, an dem und von dem aus gesprochen wird, gab es in dem Gespräch nicht. Man müßte da, um platt und undifferenziert den Rahmen zu benennen, mal von Klasse, Geschlecht, Ethnie, Bildung, Gesellschaftsordnung und all diesen Dingen sprechen – von Politik also in einem sehr weiten Sinne. Vor allem aber kann man sich allein dahinter, daß Rechte und Vorstellungen auch der Gegenwart historisch verortet sind, nicht vor einer Entscheidung verstecken: Nämlich derjenigen, welche Rechte, Vorstellungen, Voraussetzungen man selbst für unabdingbar hält. Natürlich ist man selbst da – Foucault läßt nicht zum letzten Mal grüßen – Kind seiner Zeit, aber auf welcher Basis sollten wir sonst argumentieren, diskutieren und zu Entscheidungen kommen? Das große Anything Goes scheint mir keine praktikable, lebenswerte Lösung zu sein.

Die in den Menschenrechten ausgedrückten Positionen sind natürlich historisch, und sie sind auch aus einem eher bürgerlichen Verständnis von Freiheit etc. abgeleitet; gleichwohl würde ich argumentieren, daß sie Voraussetzung dafür sind, daß man von Freiheit in Bezug auf das Internet überhaupt sprechen kann; denn so groß oder klein die Möglichkeiten und Freiheiten „dort“ auch sein mögen, wenn Menschen nicht die konkrete Möglichkeit haben, daran überhaupt teilzuhaben (was ermöglicht werden kann durch Wohlstand (also ausreichend Nahrung und solcherlei Dinge), Bildung, politische Partizipationsrechte etc., dann ist die Freiheit „im“ Internet nichtig, weil sie allenfalls den Blick darauf versperrt, welche Unfreiheiten sich in seiner strukturellen Verfaßtheit innerhalb der realen Welt „dahinter“ noch verbergen.

Ich möchte ganz viele Anführungszeichen setzen, weil ich die Rede vom Internet als „Ort“ außerhalb der physischen Welt nichts halte. Nicht mal unbedingt, weil das konkret falsch ist (Server, Datenbanken etc. sind konkrete physische Entitäten, deren Existenz und Nicht-Antastbarkeit auf ganz gewöhnlichen bürgerlichen Freiheiten beruht und viel mit ihrem Aufenthaltsort in einer geographisch-politischen Welt zu tun hat), sondern weil, selbst wenn man (was m.E. falsch ist) „reale“ und „virtuelle“ Welt klar zu trennen vermöchte, vielfältige Rückkopplungen und Wechselbeziehungen zwischen beiden Welten auftreten. Das Internet ist kein eigener Ort, weil es zwar vielleicht theoretisch frei flottierend, aber ebenso möglicherweise dann doch überall bei uns ist.

Das Gerede davon, daß alles im Internet „einfach nur Text“ ist, mag zwar auf eine bestimmte Art und Weise begründbar sein, tut aber im Gestus der geführten Diskussion so, als sei Text etwas außerhalb der Welt ohne soziale Folgen, ohne Bezug auf Leben und Menschen. Das ist eine gewissermaßen bastardisierte Variante des poststrukturalistischen Blicks (der in seinem Kern zunächst einmal ein Mittel der Analyse ist, nicht ein Versuch tatsächlicher Weltbeschreibung) auf die Welt als Text, die übersieht, daß Text nie außerhalb von Welt zu denken ist, und immer konkrete soziale, gar physische Effekte hat, die nie aufs rein Textuelle zu reduzieren sind.

Und genau deshalb ist es Unsinn zu sagen, man solle halt lernen, Beleidigungen im Netz etwa einfach zu ignorieren. Für mich ergab sich da sofort eine Rückkopplung mit den Themen des Sexismus-Panels (weniger mit der Diskussion über die Trolle im angeschlossenen Chat: Da liegt die Sache etwas anders): Denn die Beleidigungen ignorieren Dich nicht. Es gibt konkrete Formen von „Text“ im Netz, die auch dann Rückkopplungen haben, wenn man sie ignoriert, von ihnen nichts weiß und nichts wissen will. Schließlich machen wir uns alle gern über Firmen lustig, die Shitstorms im Netz nicht kapieren oder nicht einmal mitkriegen, und dann vor einem PR-Desaster stehen, das gerne mal konkrete wissenschaftliche Folgen haben kann. Und andere Leute könnten sich z.B. bemüßigt fühlen, virtuellen Text in Realität umzusetzen, wenn sie etwa (zugegeben, ein extremes Beispiel) mit physischen Wohnanschriften versehene Morddrohungen oder -aufrufe in die Tat umsetzen.

Wir weißen, wohlhabenden, spezialisierten Mittelschichtsmänner und Geistesarbeiter (und die führten ja die Diskussion) würden uns sehr umsehen, wenn sich der Staat in der physischen Welt nicht mehr um unsere Bedürfnisse und Sicherheiten kümmerte, nicht mehr ordnend dem Miteinander Form gäbe – selbst wenn wir mit vielen einzelnen Ausgestaltungen nicht zufrieden sind. (Und ich sage nicht, daß das nicht besser gemacht werden könnte, und ich glaube auch nicht, daß Demokratie per „Konsens“ funktioniert, wie die Sozialdemokraten in der Diskussion in lexikalischer Ungenauigkeit behaupteten.) Es ist aber dann zwingend, daß der Staat sich dann auch nicht aus dem Internet heraushalten kann. „Hier“ wie „dort“ ist es seine Aufgabe, die (physisch/online) Schwächeren vor der Machtausübung durch Stärkere in Schutz zu nehmen. Wie weit er dabei gehen kann, darf und soll, das muß in der Tat ausgehandelt werden, und die Freiheitsrechte, die wir brauchen, müssen wir mit Händen, Füßen, Zähnen und Klauen verteidigen. Aber das nennt man Demokratie, Meinungsfreiheit und politische Auseinandersetzung.

12 Kommentare

  1. @plomlompom ist ein freundlicher und hochintelligenter junger Mann. In seinen Überlegungen mischen sich intellektuelle Brillanz, analytisch-technischer Scharfsinn, überraschende Erkenntniskonstruktionen, erschreckende Naivität, grotesk falsche soziale Grundannahmen und eine hyperrationale Sichtweise auf die Welt, die kein emotionales oder historisches Argument ernsthaft akzeptiert. Heraus kommt ein Argumenteamalgam, das zum interessantesten und angstmachendsten zählt, was ich so kenne, ab und zu vermengt mit grauenhaftem Quatsch.

    Man sollte dafür sorgen, dass er beruflich unter kontrollierten Bedinungen nachdenken kann ohne jede weltliche Berufssorge, aber auf eine Weise, die seine Anhänger nicht auf den Gedanken bringt, sich gesellschaftlich zu organisieren. Sonst käme früher oder später eine Art postpolitischer Leuchtender Netz-Pfad heraus.

    Anmerkung: der Beitrag bezieht sich auf einzelne Gespräche und Texte, die ich von @plom kenne und weniger auf die Diskussion auf der re:publica.

  2. Danke dafür. Ich bin erleichtert, dass es auch solche Positionen gibt. (Ich hatte mit großen Fragezeichen in den Augen die Diskussion verfolgt, auf die du dich beziehst.)

  3. plom hatte bereits in seiner ersten präsi über identitätskriege im internet unter beweis gestellt, dass mit dem bisherigen handling der diskussion über identitäen im netz und der benutzen begriffe wenig bis gar nicht vertraut ist. z.b. verwechselte er als basis seiner argumentation die kurzweiligen konsumlaunen im internet mit sowas wie „identität“. und sein verständnis von individuum und gesellschaft war ganz klar auch in keinster weise von der jahrhunderte lange debatte über diese beiden begriffe geschwängert .. so kommt man natürlich schnell von einer überzeugung zur nächsten.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *