Piep – piep – piep, habt gefälligst alle das Kollektiv ganz lieb!

Auch der Märchensputnik drehte Runden

Abt. für Literatur

Der Märchensputnik - BuchcoverGerade noch rechtzeitig zum fünzigsten Sputnik-Jubiläum erinnerte sich die Prinzessin an ein Kinderbuch, das ich vor kurzem eher zufällig und in einem Anfall von Fassungslosigkeit antiquarisch erworben hatte: Den Märchensputnik. (Für das Coverfoto bitte ich um Entschuldigung, meine “richtige” Kamera ist derzeit auf Reisen. Nicht in einer Umlaufbahn, aber immerhin.)

Dieses seltsame Buch, 1972 in der Hauptstadt der DDR erschienen, enthält “Sechs Märchen, die nicht mit es war einmal beginnen”, wie es im Buch heißt, und die allesamt den technischen Fortschritt zum Thema haben. Ich wäre durchaus sehr daran interessiert zu erfahren, ob jemand der Mitlesenden hier – womöglich aus Kindertagen – das Buch kennt und was sie oder er dazu denkt.

I can only guess. Da ist zum Beispiel das Märchen “Silberkopf”, das von einem kleinen Satelliten erzählt – er war zuverlässig und fleißig, flog immerzu um den Mond und fotografierte alles mögliche, stolz drehte er dabei seinen großen Silberkopf, aus dem lustig geformte Instrumente ragten, lange Antennenohren und zwei blauschimmernde Fernsehaugen. Und wenn die Menschen es ihm befahlen, schickte er die Fotos zur Erde.

Dann aber beginnt, schon im zweiten Absatz, das Unglück:

Mit der Zeit aber vergaß Silberkopf, daß er den Menschen sein Leben zu verdanken hatte, daß sie ihn gebaut hatten, damit er für sie arbeite.

Und nimmt seinen Lauf: Er hat keine rechte Lust, will mit den Marssonden mitfliegen und nicht rund um den Mond versauern, funkt seine Bilder nicht mehr zur Erde, sondern stattdessen querulantischen Unsinn, dergleichen halt: ein Arbeitsverweigerer. Die Menschen bauen einen neuen Satelliten, der natürlich schön fleißig und zuverlässig ist, während Silberkopf beschließt, Ferien zu machen, tagelang, wochenlang. Zwei Absätze weiter packt ihn nicht nur Langeweile, sondern auch Verzweiflung, dann kommen Meteoriten und machen ihn kaputt.

Nun war er nicht mehr der schöne Silberkopf von einst, sondern ohne Ohren, blind auf dem einen Auge und verbeult wie ein alter Benzinkanister.

Ende. Die Geschichte war bei den Kindern bestimmt der totale Renner.

Ich finde ja Sozialismus nach wie vor keine ganz dumme Idee, aber im Ernst, sah so der Versuch aus, den neuen Menschen zu erziehen? Daß (Moral, Moral!), wer sich dem großen Ganzen nicht allzeit brav unterordnet, am Ende daherkömmt wie ein zerbeulter Kanister?

Zur Aufheiterung nun noch etwas Originelles: die Töne von Sputnik. Piep!

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Ein Kommentar

  1. Maggi

    Ja, so war es wohl. Bin ich doch nicht drüben groß geworden, erinnere ich mich noch gut an die Mentorin meiner Frau im Referendariat auf einer Pankower Grundschule (die Frau war wohl auch eine 150%ige Sozialistin), die die Kinder gerne zusammenpfiff mit den Worten “Ihr seid alle gleich. Ihr seid nichts Besonderes. Bildet euch bloß nichts ein.”

    5. Oktober 2007, 12:41 Uhr

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Dieser Eintrag entstand am Donnerstag, 4. Oktober 2007, um 20:32 Uhr.

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