Auch wenn Thomas schon die im Wesentlichen einzig angemessene Reaktion auf Herrn Henckel von Donnersmarcks Gefasel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gezeigt hat, mögen sich meine Augen doch noch nicht so recht von diesem, wie mir scheint, Dokument überheblicher Ahnungslosigkeit lösen.
Es ist ja nicht nur so, dass „unser“ Oscargewinner das Wesen von Scientology darauf reduziert, eine besonders erfolgreiche Realisationsform des American Dream zu sein, oder dass schon aus dem Ansatz des Besinnungsaufsatzes ein Herkunftsdünkel spricht, in dem die besondere Position der Familie (man hatte Kontakt mit WiderstandskämpferInneN!) nur mühsam mit der fast kindlich-naiven Begeisterung der Mutter für diesen Menschenschlag ein wenig ironisiert wird.
Man wird auch darüber hinwegsehen können, dass der Regisseur küchengermanistisch „Dichtung“ als „verdichtete Wahrheit“ sieht und gar die „Essenz der Geschichte“ im noch gar nicht gedrehten Stauffenberg-Film von Bryan Singer widergespiegelt sieht – als sei ein Film (und natürlich meint er implizit: seinen Film, den mit dem Oscar!) nicht stets fiktionales Endprodukt eines komplexen Prozesses, das mindestens ebenso viel, wenn nicht gar mehr, mit Vermarktung, praktischen Notwendig- und nicht nur finanziellen Möglichkeiten, Dramaturgie und dergleichen mehr zu tun hat als mit „Wahrheit“, historischer noch dazu, die einzufangen notorisch unmöglich ist.
Diese Filmwahrheit soll aber, so Henckel von Donnersmarck, „durch ihre große Dichte pro Kubikmillimeter (oder pro Sekunde)“ sogar „wahrer“ sein, „als es die lockere, unverdichtete Wahrheit je sein könnte.“ Was will uns der Verdichter damit sagen? Hier haben wir es, mit Verlaub, doch eher mit einer Gedankenschrottpresse als mit Dichtkunst zu tun.
Doch sind das alles nur Nebenschauplätze. Hauptsächlich sorgt sich der Regisseur um das Ansehen Deutschlands in der Welt und empört sich deshalb zunächst über „Graf Berthold von Stauffenberg“ (die Reihung der Namen setzt den Adel in Deutschland ganz subtil wieder in sein Recht, was Herrn H. von D. sicher gefällt), der sich in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung aus einer Perspektive der bewussten Ahnungslosigkeit despektierlich über Tom Cruise und das Valkyrie-Projekt geäußert habe.
Nun ist das Interview mit von Stauffenberg sehr viel bescheidener und zurückhaltender, als es Henckel von Donnersmarck wahrhaben möchte, und die darin zum Vorschein kommende Haltung der vorsichtigen Meinungsäußerung – weil der Mann eben reflektiert, wie wenig er von Film im Allgemeinen und Tom Cruise im Besonderen weiß und versteht – ist mir allerdings zigfach lieber als die selbstgerechte Arroganz des FAZ-Gastautors, der die Wahrheit mit der adeligen Muttermilch (und dem Kontakt zu echten WiderstandskämpferInneN!) aufgesogen zu haben meint. Kurzerhand wird dabei Claus Schenk Graf von Stauffenberg noch gleich für ganz Deutschland requiriert, als spiele er in der Fußballnationalmannschaft („unser Stauffenberg!“) und als hätten sich nicht Deutschland, die Deutschen und auch Stauffenberg in den Jahren zwischen 1933 und 1945 so einiges zuschulden kommen lassen.
Ach, was sind wir alle gute, gute Deutsche!
Über viele der Fragen, die Henckel von Donnersmarck beantwortet zu haben meint, kann man indes trefflich streiten. Ob der Film besser oder schlechter wird, weil ein Scientologe die Hauptrolle spielt, sei dahingestellt – Cruise ist jedenfalls, da dürften sich die meisten FilmkritikerInnen einig sein, kein wirklich guter Schauspieler, und ob der Film Deutschland international zu Ansehen verhilft, weil er wieder einmal auch „gute Deutsche“ zeigt, sei’s drum.
Auch wäre bei der ganzen Aufregung doch die nicht eben neue Debatte durchaus interessant, inwiefern Stauffenberg und seine MitstreiterInnen wirklich als große Vorbilder an WiderstandskämpferInnen gesehen werden sollten und können (zum Beispiel). Ihr Akt des Widerstands, man muss das hier nicht weiter aufwärmen, kam reichlich spät und letztlich erst im Angesicht des drohenden Untergangs.
Die interessante Frage wird letztlich sein, ob diese Zwiespältigkeit, die Teil der geschichtlichen Wahrheit und Teil der Figur Stauffenbergs ist, soweit wir sie kennen können, sich auch im Film finden wird – und ob Tom Cruise in der Lage sein wird, dem ein Gesicht zu geben.