Lederner Minirock und Sensenmann-Plätzchen

 

Abt. für Parallelgesellschaften, pralles Leben

Burkhard Müller von der Süddeutschen hat – mit durchaus sehr reflektierter Distanz zur Szene – das Leipziger Wave-Gothic-Treffen besucht und fand’s ziemlich gut, ein bißchen campy und recht erwachsen.

“No Logo” bezeichnet hier keinen Schlachtruf von Attac, sondern an der Nähmaschine geübte Praxis. Meine Begleiterin hat ihren blauen Reifrock aus einem Posten alten Sitzbezugstoffs der Interflug hergestellt, acht Meter zu zwölf Euro; das Resultat ist beeindruckend. Nur so findet die Diskrepanz von Prachtentfaltung und den schmalen Budgets der jungen Ostdeutschen, die doch die Mehrheit der Anwesenden bilden, ihre Erklärung.

Am Ende eines langen Tages hat man gelernt, unter allen Skurrilitäten den Grundzug im Willen zur gänzlich unbrauchbaren Schönheit zu erkennen. [...] Nach einem Tag auf dem WGT wirkt der gewöhnliche Leipziger, wie er einkauft oder seinen Hund ausführt, daneben zerknittert, farblos und generell vernachlässigt.

Still sind die Menschen und ruhig:

Da der angestrebte Ausdruck so sehr im Kleid liegt, sind die WGT-Besucher eine ruhige Sorte von Leuten. Ein Paar sitzt am Nebentisch in der Leipziger Moritzbastei, sie erheben sich, er hilft ihr in den Mantel, sie nimmt die Hundekette zur Hand, die ihm am Hals festgemacht ist, und man bricht auf.

Wie ruhig das alles vonstatten geht, bemerkt man erst, wenn doch einmal ein paar Einzelne darunter sind, die das ungut Muntere ausstrahlen, wie Norddeutsche es an sich haben können.

Meine Schwester, die vor einiger Zeit für ein Jahr in Leipzig weilte, erzählte, wie damals leise Furcht vor marodierenden Horden durch die Stadt ging, weil das Treffen ausfiel, nachdem sich der Veranstalter abgesetzt und die ganze Chose in die Pleite gerissen hatte. Statt aber ihrem Ärger durch Demontage der Innenstadt Luft zu machen, saßen die jungen Menschen in Schwarz und Farbe ein wenig traurig in der Gegend herum, trafen sich also trotzdem, wenn auch ohne Musik, und waren ruhige, angenehme Zeitgenossen.

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Dieser Eintrag entstand am Mittwoch, 7. Juni 2006, um 11:33 Uhr.

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