Was immer ihr über das vom Spiegel lancierteSommerlochthema des Jahres, die Homöopathie, so denkt, es ist mir im Grunde wurscht. Ich lese auch die ganzen Argumentationen nicht im Detail. Ich habe ein paar Semester Schulmedizin studiert und lange genug im Krankenhaus gearbeitet, um zu wissen, daß oftmals nur ein beherzter Griff in den Medikamentenschrank oder zum Skalpell etwas hilft – und manchmal auch das nicht mehr. Ich habe außerdem gesehen, daß viele Menschen keine Ahnung haben, wie man etwa Antibiotika richtig nimmt (z.B. wirklich konsequent bis zum Ende, weil sie sonst leicht mehr schaden als nützen), und daß viele Ärztinnen und Ärzte viel zu viele Antibiotika wie aus einem antrainierten Reflex heraus verschreiben, auch wenn dies gar nicht nötig wäre. Und hole deshalb gerne zweite Meinungen ein, bevor ich meinen Kindern Antibiotika gebe.
Ich glaube daran, daß Impfschutz eine tolle Sache ist und daß die ganzen Impfgegnerhysteriker_innen sich keine Vorstellung davon machen, wie unser Niveau an Gesundheit so aussähe, wenn sich alle gegen die derzeit so seltenen, aber zum Teil wirklich gefährlichen Krankheiten wie Diphterie und Kinderlähmung nicht impfen ließen.
Und nochmal: Die Diskussion um die Homöopathie ist mir wurscht. Ich glaube nicht daran, daß Globuli und wirkstofffreie Zäpfchen irgendwas bewirken. Wenn sie aber dazu führen, und zwar regelmäßig und reproduzierbar, daß meine Kinder trotz Fieber anschließend ruhig schlafen, was sie, reproduzierbar, sonst mit Fieber meist nicht tun, dann will ich für die Nacht gerne anerkennen, daß ich mich irre, oder vielleicht auch nicht. Auch das ist mir ziemlich wurscht.
Und wenn der Kinderarzt und Homöopath, zu dem wir derzeit immer wieder gehen, der einzige ist, der sich die angebliche Ohrenentzündung meines Kindes so genau ansieht, daß er glaubt, auf Antibiotika vorerst verzichten zu können, falls es nicht schlimmer wird (was dann nicht geschieht), aber sicherheitshalber schon mal welche aufschreibt, falls doch – so lange gehe ich eher dorthin als zur Schulmedizinerin hier um die Ecke.
Wie viele Leser_innen dieses Blogs sicher wissen, habe ich seit etwa anderthalb Monaten und inzwischen auf allen meinen drei regelmäßig befüllten Blogs (hier, im Genderblog und in meinem Filmblog Butt-kicking Babes) Buttons für flattr eingebaut, diesem schicken neuen Quasi-Micropayment-Service, mit dem man ohne großen Aufwand die Macher_innen guter Texte, Bilder und anderer Sachen (“Things” heißen diese Entitäten bei flattr) mit kleinen Geldbeträgen belohnen kann.
Hier ein Video, das kurz erklärt, wie das funktioniert:
Nach 3,12 Euro im Mai sind das nun im Juni schon 15,71 Euro geworden, also tatsächlich mehr, als ich bei flattr eingespeist habe (5 Euro ist dort mein derzeitiger Monatsbetrag). Vielen Dank allen edlen Geber_innen – ich fühle mich geschmeichelt. ;-)
Der Betrag liegt natürlich deutlich (und womöglich auch zurecht) unter den Einnahmen von fleißigen Größen wie taz, netzpolitik.org oder Stefan Niggemeier; aber mit @lantzschi in der Nähe fühle ich mich in guter Gesellschaft.
Am meisten beschenkt (16mal) wurde übrigens dieser Text im Genderblog, der aber auch, nicht zuletzt dank eines Hinweises von @bildblog der wahrscheinlich meistgelesene meiner Texte im letzten Monat war. Halb so viel Aufmerksamkeit bekam mein Rant über Kristina Schröder. Insgesamt wurde ein gutes Dutzend meiner Texte im Juni geflattrt, wobei sich aus den Verhältnis von Klicks zu Geld ergibt, daß einzelne Flattereien im Durchschnitt der einzelnen Texte zwischen 0,03 und 1,10(!) Euro wert sind. Man muß also die richtigen Leute zum flattrn kriegen.
Interessant ist der Hinweis im oben verlinkten taz-Eintrag:
Am stärksten honoriert werden die Texte, in denen es gegen die Lieblingsfeinde unserer Leser geht: Neonazis, der Hochadel, die Bild-Zeitung, die schwarz-gelbe Bundesregierung.
Wie macht Ihr das? Welche Texte oder “Dinger” flattrt Ihr so? Nach welchen Kriterien? Politische Gefälligkeit? Schöner Stil? Schöne, ausführliche Recherche? Für Hinweise in die Kommentare wäre ich sehr dankbar.
(Und ich habe noch zwei flattr-Einladungscodes einen flattr-Einladungscode zu vergeben. Einfach in den Kommentaren melden, bitte! Einladungen sind weg.)
Ich bin eher skeptisch, was das Konzept der “Weisheit der Masse” angeht. Aber dann und wann bringt das Internet eine Bewegung hervor, und sei es nur für kurze Zeit, die ohne es nicht möglich gewesen wäre, und die großartige Dinge erreicht. Wer am Ende dieses Ask-Metafilter-Threads nicht auch Tränen in den Augen hat, der/dem kann nicht geholfen werden. (via)
Eine Mefite fragt darin um Hilfe, weil er vermutet, daß zwei russische Freundinnen, frisch in den USA angekommen, kurz davor stehen, in die Hände von Menschenhändlern zu fallen. Der sich entspannende Austausch liest sich wie ein aufregender Krimi.
(Ja. Und die eingeblendeten Google-Ads sind eher unpassend.)
Der Nacktmull ist ja ein inspirierendes, glücklichmachendes Tier. Jetzt hat er offenbar die Macher der britischen Serie Merlin für die Folge “Lancelot and Guinevere” zu dem Monster “The Wildren” inspiriert:
BEMÜHUNG ZU VERWENDET IHM FÜR DIE KINDER DES GOTTES
Mrs.susan Fernando. Ich bin die oben genannte Person von Philippinen.
Ich werde
zum Dr. SAZON geheiratet FERNANDO, der mit Philippinen-Botschaft in der
Elfenbeinküste für neun Jahre arbeitete bevor er im Jahr 2005.We wurde
geheiratet für elf Jahre ohne a starb Kind. Er starb nach einer kurzen
Krankheit, die für nur vier Tage dauerte. Vorher sein Tod waren wir beide
getragenen wieder Christians.Since sein Tod, den ich nicht entschied
zu re-marry
oder ein Kind außerhalb meines ehelichen Hauses erhalten, die die Bibel ist
gegen. Als mein später Ehemann lebendig war, legte er die Summe von 18Million
nieder Dollar (achtzehn Million vereinigter Zustand-Dollar) mit einer
Finanzierung/Sicherheit Firma in den Amsterderm-Niederlanden. Momentan ist
dieses Geld noch mit Sicherheitsgesellschaft. Vor kurzem erklärte mein Doktor
mir, dass dass ich nicht wurde, dauern Sie für folgende drei Monate wegen des
Krebsproblems. Obwohl, was mich stört, am meisten mein ist
Anschlagkrankheit. ,
meinen Zustand kennend, entschied mich ich, diese Kapital zu zu spenden Kirche
oder verbessern noch eine christliche Einzelperson, die dieses Geld verwendet
die Weise werde ich hier innen anweisen. Ich wünsche eine Kirche, die dieses
verwendet Kapital, zum der Kirchewaisenhäuser und -witwen zu finanzieren, die
Wort Gottes verbreiten und zu garantieren, dass das Haus des Gottes
beibehalten
wird. Die Bibel bildete uns zu verstehen Sie, segnete dass das, ist die Hand,
die giveth. Ich traf diese Entscheidung weil I don’ t haben jedes mögliches
Kind, das dieses Geld übernimmt und meine Ehemannverwandten nicht
Christen und I
don’ sind; t wünschen mein husband’ von den Skeptikern fehl angewendet
zu werden
s-schwer verdientes Geld. I don’ t wünschen eine Situation, in der dieses Geld
in einer ungodly Weise benutzt wird. Folglich der Grund für das Nehmen dieses
fett Entscheidung. Ich habe nicht vor Tod Angst, folglich, das ich weiß, wohin
ich gehe. Ich weiß dass ich im Busen des Lords sein werde. Exodus 14 GEGEN 14
sagt den der Lord kämpft meinen Fall und ich halte meinen Frieden. I don’
t-Notwendigkeit irgendwie telefonieren Sie Kommunikation in dieser Hinsicht
wegen meiner Gesundheit und wegen das Vorhandensein meines husband’
s-Verwandte
um mich immer. I don’ t wünschen sie in dieser Entwicklung auskennen. Mit Gott
sind alle Sachen möglich. Sobald Ich empfange Ihre Antwort, die ich Ihnen den
Kontakt der Finanzierung/der Sicherheit gebe Firma in den
Amsterderm-Niederlanden. Ich gebe Sie auch ein Buchstabe von heraus
Berechtigung, die Sie als das ursprüngliche Begünstigte von diesem prüft,
finanziert. I wünschen Sie Sie und die Kirche für mich immer beten, weil der
Lord mein ist shephard. Mein Glück ist, dass ich ein Leben eines angemessenen
Christen lebte. Wer auch immer das möchte den Lord dienen muss ihn im
Geist und
in der Wahrheit dienen. Bitte seien Sie immer ganz durch Ihr Leben prayerful.
Jede mögliche Verzögerung in Ihrer Antwort gibt ich Raum im Auftreten für eine
Kirche oder eine christliche Einzelperson für dieses selbe Zweck.
Versichern Sie
mir bitte, dass Sie dementsprechend fungieren, wie ich hierin erklärte. Hoffen
zum Hören von Ihnen. Ich habe 20% für Sie und während Ihrer Zeit beiseite
gesetzt und 10% für irgendein enpense, wenn es irgendwelche gibt.
Bleiben Sie im
Namen gesegnet Lord. Ihr in Christ Anmerkung: Antwort-eMail zu
(susanfernando12@aim.com)
Vergangene Woche hatte ich mein bei Twitter schon öfter erhobenes Lamento von den bei kleinsten Wetterkapriolen geschlossenen Parks hier bereits ausgebreitet; ein ähnliches Sicherheitsdenken gilt wohl auch für die öffentlichen Kinderbespaßungsräume. Auf den Pariser Spielplätzen sind nämlich nahezu alle Geräte mit einem deutlich sichtbaren Signet versehen, das offenbar für Eltern zumindest zur Orientierung dienen soll, für welche Altersgruppe diese Gerätschaft geeignet ist. Wie deutsche Eltern ohne solche Hilfen zurecht kommen, weiß ich nicht, aber kennt jemand Statistiken über Unfälle auf Kinderspielplätzen im Ländervergleich? Vielleicht hilft das wirklich.
Nur interessiert es die Kinder natürlich praktisch gar nicht. Das kleine Kind klettert sowieso auf alles, was nicht bei Drei abgebaut wurde, wenn es irgendwie hoch kommt, und ist sehr frustriert, wenn nicht; die französischen Kinder halten es genauso, und ihre Eltern lassen sie gewähren, so lange der Abgrund nicht allzu tief dräut.
Bislang haben wir nicht herausgefunden, warum genau es auf Pariser Spielplätzen keine normalen Schaukeln mehr gibt, aber auch hier vermuten wir Versicherungs- und Haftungsgründe. Vereinzelt stößt man einmal auf Rundumsicherschaukeln, bei denen man das Kind gewissermaßen in einen Korb hineinsetzt, und die im Zweifel vor allem dadurch gefährlich werden, daß das Kind rausklettern will und dabei richtig tief stürzt. Eine zugezogene Französin erzählte uns jedenfalls, Parkschließungen wie Schaukelmangel seien spezifisch Pariser Neurosen; in der Provinz sei man da nicht so verklemmt.
Bei all dem Sicherheitsgetue fürs Kindeswohl ist es dann aber doch irritierend, etwas Anderes zu beobachten. In den Schulferien und an Mittwochen (an denen Vor- und Grundschüler_innen keinen Unterricht haben) übernehmen hierzulande die sogenannten Centres de loisirs, “Freizeitzentren” quasi, die Kinderbetreuung. Diese machen mit den Kindern tolle Sachen und gerne auch Ausflüge in Parks oder ins Umland, und damit die Kinder im Notfall wieder an der richtigen Stelle abgegeben werden, bekommen sie alle ein Schildchen mit Anschrift und Telefon des jeweiligen Centre.
Allerdings hängen manche Einrichtungen ihren Kindern diese Schilder an Nylonschnüren um den Hals. So eine Horde Kinder mit Autoasphyationsapparaturen auf dem Spielplatz zu sehen macht mich immer sehr nervös. Aber vielleicht bin ich da einfach zu sehr in deutschem Sicherheitsdenken befangen.
Wer aus dem Kölner Raum stammt, kennt den Witz mit den zwei Schneeflocken, die sich zufällig treffen, und die eine sagt: “Komm, wir fliegen nach Köln, Verkehrschaos spielen!”
Ganz so schlimm ist es hier eigentlich nicht, aber so ganz genau weiß man das auch deshalb nicht, weil es zumindest im Pariser Stadtgebiet überhaupt selten schneit. Der vergangene Winter etwa, in dem bekanntermaßen (was wir freilich nur aus zweiter Hand und aus dem FernsehenInternet wissen) ganz Deutschland monatelong unter einer festgefrorenen Schicht von Schnee und Eis gefangen war, haben wir bei zwar relativ kühlen Temperaturen, aber doch meist ohne Schnee hinter uns bringen können. An einem Wochenende lag einmal etwas mehr als ein Hauch von Schnee, und wir haben erst viel zu spät bemerkt, daß die nicht obrigkeitshörige Fraktion der Pariser Bürger_innen des 14. Arrondissement eine hügelig abfallende Wiese im (übrigens sehr schönen) Parc Montsouris trotz Rasennutzungsverbot (wie jedes Jahr ist dort “pelouse en repos”, also die Wiese gewissermaßen im Winterurlaub) kurzfristig zur Rodelpiste umdeklariert hatte. So stand leider unser Schlitten brav und trocken im Keller, und für’s Plastiktütenfahren war die Schneedecke dann doch zu dünn.
Das eigentlich Überraschende war ja übrigens, daß der Park überhaupt geöffnet war. Denn normalerweise werden Parks in Paris nicht nur bei heraufziehenden Unwettern (Gewitter, Stürme, dergleichen) geschlossen, sondern eben auch bei Schnee oder Glatteisgefahr. Was konkret bedeutet, daß im Winter immer wieder (und nach für uns letztlich nicht ganz nachvollziehbaren Kriterien) die Grünanlagen und natürlich vor allem auch die darin befindlichen Spielplätze schlichtweg nicht erreichbar sind.
Die Gründe dafür sind uns nach wie vor schleierhaft, auch wenn wir die Vermutung hegen, daß es wohl ganz banal Versicherungsgründe haben könnte – denn gelegentlich, wenn ein Park dann trotz “Wintereinbruchs” dennoch geöffnet wird, dann wird man mit großen Schildern auf seine eigene Verantwortung hingewiesen und zurückgeworfen. Die Stadt will es halt nicht schuld sein und geht lieber auf Nummer Sicher.
In Jacques Tatis wunderbarem Film Les vacances de Monsieur Hulot (Die Ferien des Monsieur Hulot) von 1953 gibt es einen kleinen Running Gag (einen unter vielen). Jeden Tag werden die Feriengäste in dem Nachkriegsbadeort irgendwo an der französischen Küste – zentraler Schauplatz ist ein Hotel direkt am Strand – von einer Glocke zum Essen gerufen, und immer leert sich der Strand mit dem Geläute innerhalb weniger Minuten komplett.
Das wäre nun eine putzige Beobachtung aus dem bürgerlich-französischen Urlaubsleben von vor fast sechzig Jahren, hätte es nicht seine Entsprechung in der ganz gegenwärtigen Realität des allerdings wohl nicht minder bürgerlichen Paris der Gegenwart.
Unter der Woche sieht man hier ja für gewöhnlich kaum Kinder auf den Straßen, was schlichtweg daran liegt, daß mehr als neunzig Prozent der Kinder, die dafür irgendwie alt genug sind, hier in Betreuung sind, meist, weil nun einmal beide Eltern arbeiten gehen müssen. Die Kinder, die auf den Spielplätzen dennoch auftauchen, sind also entweder ausländischer Herkunft (hier!) und vielleicht noch nicht in Betreuung, oder sie sind mit “Kindermädchen” oder Tagesmüttern (nounous, assistant(e)s maternel(le)s, wasauchimmer) unterwegs – und gelegentlich, in den Ferien oder sonst mittwochs, sind noch Kinderhorden aus einem der Freizeitzentren anwesend.
Pünktlich um 12 Uhr aber scheint irgendwo, unhörbar, eine Glocke zu klingeln – innerhalb von fünfzehn Minuten sind die Spielplätze wie leergefegt, wer noch übrig bleibt, ist sicher nicht französischer Herkunft. Denn jetzt wird das Mittagessen zu sich genommen. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese öffentlichen Räume leeren, ist für mich so bizarr wie komisch. Und während man natürlich vorzüglich lästern könnte über eine derart gleichgeschaltete und -getaktete Gesellschaft spielt doch etwas anderes womöglich die größere Rolle: Daß man hier dem Essen, und nicht zuletzt dem Mittagessen, eine große Rolle im Tagesablauf zuspricht.
Dafür spricht etwa, daß in den Kitas und Kindergärten das Mittagessen täglich mehrere Gänge umfaßt (alternierend abschließend mit Käse oder Dessert) und daß es hier nach wie vor, Wirtschaftskrise hin, teure Preise her, sehr üblich ist, mittags zu einer kleinen Mahlzeit, aber dennoch richtig ins Restaurant essen zu gehen. Ein kleiner Rotwein darf es dazu gerne sein.
Ein Gesamtbild zur re:publica 2010 kann ich nicht schreiben und mag ich mir nicht machen; dafür habe ich von den Panels und Diskussionen schlichtweg zu wenig gesehen. Glücklich und übervoll bin ich trotzdem abgefahren, weil ich viele tolle Menschen wiedergesehen und vor allem: sehr viele zum ersten Mal persönlich getroffen habe, von denen ich tagtäglich kluge Dinge lese.
Eine Diskussion außerhalb des Themenbereichs Gender (zu dem bei Gelegenheit im Genderblog noch mehr) hat mich allerdings doch ziemlich aufgeregt, nicht nur und unbedingt negativ, nämlich “Kann denn Freiheit grenzenlos sein?” zwischen @plomlompom (Christian Heller) und @baranek (Dirk Baranek), von @mspro (Michael Seemann).
Die Diskussion (die ich leider nicht bis zum Ende verfolgen konnte) ist inzwischen, für diejenigen, die gar nicht da sein konnten, als Video verfügbar:
Daß das Publikum in seiner großen Gänze nicht eben mit den als „sozialdemokratisch“ apostrophierten Vorstellungen @baraneks konform ging, war ja nun so zu erwarten gewesen, und er selbst dürfte bereits vorher davon ausgegangen sein, daß er eher als Advocatus diaboli diente denn als tatsächlicher Diskussionspartner, dessen Positionen man ernst nimmt und wenigstens zu prüfen bereit sei.
Irritiert war ich aber doch, daß @plomlompom so wenig Widerspruch fand. Denn an seinen Vorstellungen fand ich einiges kritik- und diskussionswürdig, wenn nicht gar, in einzelnen Fällen, völlig untragbar. Ich habe während der Veranstaltung keine Notizen gemacht (und habe jetzt weder Zeit noch Lust, mir die Diskussion noch einmal anzusehen), deswegen mögen einzelne meiner Darstellungen im folgenden nicht ganz präzise sein, dann bitte ich um Korrektur.
@plomlompom selbst hat die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sich spiegelnden Werte und Normen als die durchaus historisch spezifischen erkannt und benannt, die sie sind. Allerdings gaben weder er noch seine Befürworter_innen in der Diskussion irgendwie zu erkennen, daß sie ein ähnliches Bewußtsein von historischer Verfaßtheit auch für den Freiheitsbegriff besitzen, der für das Internet und ihr dortiges Umtun in Anspruch genommen wurde. Dieser ist aber nicht weniger konstruiert und letzten Endes arbiträr.
Die Freiheit, von der dabei die Rede ist, ist auch eine sozial spezifische; die Möglichkeit, diese Freiheit in Anspruch zu nehmen, ist ebenso wie die Möglichkeit, darüber überhaupt zu diskutieren, nicht universal. Eine Reflexion über diesen historischen „Ort“, an dem und von dem aus gesprochen wird, gab es in dem Gespräch nicht. Man müßte da, um platt und undifferenziert den Rahmen zu benennen, mal von Klasse, Geschlecht, Ethnie, Bildung, Gesellschaftsordnung und all diesen Dingen sprechen – von Politik also in einem sehr weiten Sinne. Vor allem aber kann man sich allein dahinter, daß Rechte und Vorstellungen auch der Gegenwart historisch verortet sind, nicht vor einer Entscheidung verstecken: Nämlich derjenigen, welche Rechte, Vorstellungen, Voraussetzungen man selbst für unabdingbar hält. Natürlich ist man selbst da – Foucault läßt nicht zum letzten Mal grüßen – Kind seiner Zeit, aber auf welcher Basis sollten wir sonst argumentieren, diskutieren und zu Entscheidungen kommen? Das große Anything Goes scheint mir keine praktikable, lebenswerte Lösung zu sein.
Die in den Menschenrechten ausgedrückten Positionen sind natürlich historisch, und sie sind auch aus einem eher bürgerlichen Verständnis von Freiheit etc. abgeleitet; gleichwohl würde ich argumentieren, daß sie Voraussetzung dafür sind, daß man von Freiheit in Bezug auf das Internet überhaupt sprechen kann; denn so groß oder klein die Möglichkeiten und Freiheiten „dort“ auch sein mögen, wenn Menschen nicht die konkrete Möglichkeit haben, daran überhaupt teilzuhaben (was ermöglicht werden kann durch Wohlstand (also ausreichend Nahrung und solcherlei Dinge), Bildung, politische Partizipationsrechte etc., dann ist die Freiheit „im“ Internet nichtig, weil sie allenfalls den Blick darauf versperrt, welche Unfreiheiten sich in seiner strukturellen Verfaßtheit innerhalb der realen Welt „dahinter“ noch verbergen.
Ich möchte ganz viele Anführungszeichen setzen, weil ich die Rede vom Internet als „Ort“ außerhalb der physischen Welt nichts halte. Nicht mal unbedingt, weil das konkret falsch ist (Server, Datenbanken etc. sind konkrete physische Entitäten, deren Existenz und Nicht-Antastbarkeit auf ganz gewöhnlichen bürgerlichen Freiheiten beruht und viel mit ihrem Aufenthaltsort in einer geographisch-politischen Welt zu tun hat), sondern weil, selbst wenn man (was m.E. falsch ist) „reale“ und „virtuelle“ Welt klar zu trennen vermöchte, vielfältige Rückkopplungen und Wechselbeziehungen zwischen beiden Welten auftreten. Das Internet ist kein eigener Ort, weil es zwar vielleicht theoretisch frei flottierend, aber ebenso möglicherweise dann doch überall bei uns ist.
Das Gerede davon, daß alles im Internet „einfach nur Text“ ist, mag zwar auf eine bestimmte Art und Weise begründbar sein, tut aber im Gestus der geführten Diskussion so, als sei Text etwas außerhalb der Welt ohne soziale Folgen, ohne Bezug auf Leben und Menschen. Das ist eine gewissermaßen bastardisierte Variante des poststrukturalistischen Blicks (der in seinem Kern zunächst einmal ein Mittel der Analyse ist, nicht ein Versuch tatsächlicher Weltbeschreibung) auf die Welt als Text, die übersieht, daß Text nie außerhalb von Welt zu denken ist, und immer konkrete soziale, gar physische Effekte hat, die nie aufs rein Textuelle zu reduzieren sind.
Und genau deshalb ist es Unsinn zu sagen, man solle halt lernen, Beleidigungen im Netz etwa einfach zu ignorieren. Für mich ergab sich da sofort eine Rückkopplung mit den Themen des Sexismus-Panels (weniger mit der Diskussion über die Trolle im angeschlossenen Chat: Da liegt die Sache etwas anders): Denn die Beleidigungen ignorieren Dich nicht. Es gibt konkrete Formen von „Text“ im Netz, die auch dann Rückkopplungen haben, wenn man sie ignoriert, von ihnen nichts weiß und nichts wissen will. Schließlich machen wir uns alle gern über Firmen lustig, die Shitstorms im Netz nicht kapieren oder nicht einmal mitkriegen, und dann vor einem PR-Desaster stehen, das gerne mal konkrete wissenschaftliche Folgen haben kann. Und andere Leute könnten sich z.B. bemüßigt fühlen, virtuellen Text in Realität umzusetzen, wenn sie etwa (zugegeben, ein extremes Beispiel) mit physischen Wohnanschriften versehene Morddrohungen oder -aufrufe in die Tat umsetzen.
Wir weißen, wohlhabenden, spezialisierten Mittelschichtsmänner und Geistesarbeiter (und die führten ja die Diskussion) würden uns sehr umsehen, wenn sich der Staat in der physischen Welt nicht mehr um unsere Bedürfnisse und Sicherheiten kümmerte, nicht mehr ordnend dem Miteinander Form gäbe – selbst wenn wir mit vielen einzelnen Ausgestaltungen nicht zufrieden sind. (Und ich sage nicht, daß das nicht besser gemacht werden könnte, und ich glaube auch nicht, daß Demokratie per „Konsens“ funktioniert, wie die Sozialdemokraten in der Diskussion in lexikalischer Ungenauigkeit behaupteten.) Es ist aber dann zwingend, daß der Staat sich dann auch nicht aus dem Internet heraushalten kann. „Hier“ wie „dort“ ist es seine Aufgabe, die (physisch/online) Schwächeren vor der Machtausübung durch Stärkere in Schutz zu nehmen. Wie weit er dabei gehen kann, darf und soll, das muß in der Tat ausgehandelt werden, und die Freiheitsrechte, die wir brauchen, müssen wir mit Händen, Füßen, Zähnen und Klauen verteidigen. Aber das nennt man Demokratie, Meinungsfreiheit und politische Auseinandersetzung.
Es gibt verschiedene und verschieden angenehme Weisen, nach Paris zu kommen und vor allem: in Paris anzukommen. Das Auto ist nur Hardcore-Masochist_innen zu empfehlen, gar nicht unbedingt wegen der furchtbaren Fahrweise, die angeblich in Frankreich gepflegt werde – dem ist nämlich gar nicht so, man fährt hier pfleglich, aber eben den jeweils eigenen Schuh, und gibt auf die Schuhe der anderen acht. Fährt also drauf los und läßt fahren – freie Fahrt, ganz ADAC, für freie Bürger_innen der Grande Nation. Aber ich schweife ab, das wird wohl noch einige Male vorkommen im Durchschweifen meiner Frankreicherfahrungen.
Abzuraten vom Auto ist also vor allem wegen der Périphérique, jener berüchtigten Rundautobahn, die zugleich die Stadtgrenze Paris’ markiert, als ob man möglicherweise nicht heil oder jedenfalls nicht an einem ganzen Pariser Stück sie passieren könnte, und die mit Verkehr meist so beladen ist, das man nur am ganzen Körper zitternd mehr als ein paar Ausfahrten hinter sich bringen kann, so lange man nicht geübte_r Pariser_in ist, die machen das schließlich jeden Tag.
So furchterregend ist die Périphérique, daß vor zehn Jahren, als ich allgelegentlich aus persönlichen Gründen zwischen London und Paris mit dem Bus hin- und herreiste, es einmal geschah, daß der Busfahrer beim Einfahren in die berüchtigte Ringstraße die falsche Richtung nahm. Und offenbar muß der gute Mann so viel Angst vor dem Ab- und Wiederauffahren auf diese Straße gehabt haben, daß er nicht etwa die nächste Möglichkeit nutzte, um umzukehren – der Busbahnhof war, in der anderen Richtung, wirklich nur wenige hundert Meter entfernt gewesen -, sondern stattdessen eine geschlagene Stunde lang gemütlich in der anderen Richtung einmal um Paris herumjuckelte.
Kommt man hingegen, wie wir es aus familiär-geographischen Gründen gelegentlich tun (ja, unsere Ökobilanz ist, seit wir in Paris leben, sowas von im Arsch – aber, nur zum Beispiel, unsere Fenster sind eh nur Einfachverglasung, und unser Strom mit ziemlicher Sicherheit Atomstrom. Wir Schweine) aus Nürnberg mit dem Flugzeug in Paris an, findet man sich am Flughafen Paris-Charles de Gaulle (CDG) wieder; allerdings genau genommen nicht irgendwo auf diesem Flughafen, sondern am Terminal 2G. Das ist gefühlsmäßig gesehen ungefähr so, als wollte man nach Bonn und würde von einem Flugzeug irgendwo noch hinter der Eifel auf einer Kuhweide abgesetzt.
Terminal 2G nämlich ist das hinterste Loch von CDG, der Wurmfortsatz am Dickdarm des Flughafens – natürlich handelt es sich um eine gepflegte, wenn auch stets etwas leer wirkende Halle, doch bedarf es, nur um bis zur Bahnstation vorzudringen, dem allerletzten Halt der an Halten nicht armen RER-Linie B (den man sich als eine Art S-Bahn vorstellen muß, nur ohne Wartungsprobleme), von ihr aus noch einer Busfahrt von zehn Minuten. Und bis in die Stadt ist man insgesamt länger unterwegs, als man vorher im Flugzeug saß. Aber das sind Petitessen, das ist auf allen großen Flughäfen großer Städte vermutlich so.
Richtig unangenehm wird es, wenn man Paris von CDG aus in Richtung Nürnberg verlassen will. Dafür wollte man beim Bau des Flughafens wohl nicht einmal Verständnis heucheln. Denn nach einer Dreiviertelstunde bis Stunde Fahrt mit der RER (falls nicht gerade wieder gestreikt wurde, was gefühlt mindestens zweimal im Monat der Fall ist) muß man sich dann erstmal mit Koffern und Kindern mehrere Treppen aufwärts bewegen, der Aufzug ist gerne einmal außer Betrieb. Dann gelangt man auf einen besseren Treppenabsatz mit Zugang zu einem zugigen Stück Bürgersteig, wo, wenn man der etwas unklaren Beschilderung glauben mag, eine Navette, also ein Pendelbus, Menschen zum Terminal 2G bringen möchte. Vielleicht.
Sicher mag man sich dessen vor allem deshalb nicht sein, weil eine andere Navette nicht nur mit Schildern angekündigt wird, sondern einen eigenen Bildschirm hat, der ihre nächsten Ankunftszeiten anpreist, mit den zu erreichenden Zielen hausieren geht etc. Dort, wo vielleicht noch Platz für einen zweiten Bildschirm für die zweite (unsere!) Navette wäre, glimmt ein rotes Lämpchen an einem ansonsten nicht funktionsfähigen Gerät, das vielleicht früher einmal in zwei rohen digitalen Ziffern die Zahl der Minuten bis zur nächsten Abfahrt eines Busses anzeigte.
Aber dennoch, der Bus kommt dann wirklich. Weil sich aber die Flughafenplaner_innen nicht für Menschen interessierten, die hier vielleicht einsteigen möchten, hält der Bus rechts neben dem Stück Bürgersteig, was dazu führt, daß sämtliche Fahrgäste auf die Straße und um den Bus herumgehen müssen, um einsteigen zu können. Was, ganz nebenbei, natürlich auch sehr barrierefrei ist. Not.
Aber wenigstens ist man danach wirklich, wirklich froh, aus Paris weg zu sein. Wie sagte es doch der zu Recht unsterbliche Douglas Adams:
It is no coincidence that in no known language of the galaxy does there exist the expression ‘as beautiful as an airport’.
(Erwähnte ich, daß Paris-Orly von uns bequeme zwanzig Minuten mit dem Bus entfernt ist? Praktisch kleiner Flughafen.)
Schönes Video als Teil einer Kampagne, mit der eine Finanztransaktionssteuer durchgesetzt werden soll. Argumente (oder Links zu Argumenten) dafür und dagegen bitte gerne in die Kommentare. Das interessiert mich wirklich.
Vor langer, langer Zeit, als die Liebste und ich noch gar nicht gemeinsam Weihnachten feierten, nicht aus Mangel an Liebe sondern an Zuwachs (aus irgendeinem Grund haben wir uns erst mit eigenem Kind entschlossen, nicht mehr mit unseren Eltern zusammen Weihnachten zu feiern. Es war sicher nicht Mitleid, dieser Grund), besuchten wir die Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Tante von mir hat sich dort mit ihrem Mann einen veritablen Altersruhesitz in einem kleinen Ort erbaut, der im Jahr unseres Besuches – es war schon Herbst – allerdings gerade von einer heftigen Flut betroffen war, weil der angrenzende Fluß, schon in seinem Normalzustand nicht eben ein Minimalgewässer, weit über die Ufer getreten war. Das Haus steht fast direkt am Ufer auf einer Anhöhe, das macht seinen Reiz aus, aber der Keller und sein Inhalt waren trotzdem hinüber, und auch im Erdgeschoß gab es einiges zu putzen.
Der kleine Ort hat, wie es sich für amerikanische Dörfer gehört, eine Historical Society, und auch wenn für europäische Augen und Ohren die dort verhandelte Geschichte immer etwas behüstelnswert wirkt, so winkte uns doch etwas ins Haus der Gesellschaft: Ein Basar. Es ist eben nicht so viel los dort auf dem Lande, da nahmen wir diese Abwechslung schon kuriositätenhalber mit.
Es gab allerlei Schnickschnack und abgelegte Dinge zu kaufen, einem amerikansichen Garage Sale nicht unähnlich; und zwischen all dem Tand und Kram auch Weihnachtsdekoration. Sehr amerikanisch war das größtenteils und Plastik, ein lustiges Rentier etwa mit Lichterkette im Geweih. Und diese Sache mit der Gurke müßten wir ja kennen.
(Sehr schnell war klar geworden, woher wir stammen, ist doch meine Tante die einzige deutschstämmige Person in der ganzen näheren Umgebung.)
Müßten wir wieso? Nun, das sei doch eine deutsche Tradition: Eine solche Glitzergewürzgurke werde in den Baum gehängt, vom Tannengrün gut versteckt, und wer sie (vor allem wohl: von den Kindern) als ersteR finde, der oder dem werde ein besonderes Geschenk zuteil.
Leider mußten wir den Damen von der Historical Society gestehen, daß uns, obgleich aus verschiedenen Regionen Deutschlands stammen, ein solcher Brauch beiden unbekannt sei. Aber schön sei die Gurke doch, und wir würden sie gerne mitnehmen und hoffen, daß wir sie an einem Stück über den Atlantik brächten.
Und nun haben wir gerade einen Baum geschmückt, was wir seit einigen Jahren gemeinsam tun; und am Morgen werden die Kinder sich hoffentlich über den Baum freuen und wundern, wir werden deutsche und französische Weihnachtslieder durcheinander hören, Ente essen und vielleicht auch ein bißchen Foie Gras, dann gibt es sicher auch das eine oder andere Geschenk; und mal sehen, wer sie zuerst findet.
Es ist bemerkenswert, daß ich hier fortwährend an deutsche Geschichte erinnert werde, mehr noch als in Berlin an die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Morgen, am 11. November, ist Gedenktag der Armistice, des Waffenstillstands am 11. November 1918, und natürlich wird das Begangen, mit einem Feiertag zumal. In unserem Viertel gibt es viele Straßen, die nach Helden der Résistance benannt sind oder nach Helden der Befreiung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Der Beispiele sind mehr.
Das hat sicher nicht nur damit zu tun, daß die deutsche und die französische Geschichte gerade im 20. Jahrhundert kaum auseinanderklambüsbar sind. Und gestern etwa bin ich ohne große Fremdbedrängung zur hiesigen Kurzfeier zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gegangen. (Von der ich aus der deutschen Presse erfahren hatte. So ganz besonders toll war es übrigens nicht.)
Stattdessen liegt es wohl auch daran, daß ich hier fremd bin; daß das Leben in der Fremde zumindest meiner Erfahrung nach immer zugleich eine größere Sensibilität für “das Eigene” hervorruft. Erst im Ausland beginnt man zu begreifen, was das bedeuten könnte, “Deutsch” zu sein – und das meine ich gar nicht im Sinne einer irgendwie patriotischen oder auch nur am Konzept einer “Nation” ausgerichteten Kategorie, sondern nur als relativ beliebige Benennung eines keineswegs monolithischen kulturellen Zustands, der unter anderem mein Bewußtsein mit hervorgebracht und geprägt hat.
Vielleicht erscheint es mir auch nur so, weil ich hier leichter überrascht werde; in Berlin, wo man ja nun wahrhaft über Geschichte nicht weniger stolpert als in Paris, bin ich vermutlich mit dem Alltagsblick des Geschäftigen über all die Bruchstücke, Einschußlöcher, Stolpersteine (diese sind noch mit am effektivsten, aber das nur am Rande) etc. hinweggegangen, weil sich diese Erinnerungs- und Gedenkorte, Denkmal oder nicht, dann doch in die Wahrnehmung einschleifen, aber nicht mehr wahrgenommen werden.
Das würde hier vermutlich auch passieren, wenn ich lange genug in Paris bliebe. Aber noch genieße ich es sehr, wenn meine aufgeraute Wahrnehmung mir hier noch Überraschungen bereitet.
Auf dem Onion News Networkdiskutieren die Expert_innen die Frage, ob sich die amerikanische Gesellschaft nicht doch zu weit von der eigentlichen Bedeutung des Halloween-Festes entfernt habe.
Ich habe im vergangenen Jahr ja relativ fleißig und für blairwitch.de über das Fantasy Filmfest berichtet; das wird mir in diesem Jahr so leider nicht möglich sein. Allerdings habe ich schon im Vorfeld einige Filme hier in Frankreich im Kino oder auf DVD sehen können und habe darüber in meinem ausgelagerten, noch ziemlich frischen Filmblog Butt-kicking Babes das eine oder andere Wort verloren.
Heute morgen habe ich dort auch meine Empfehlungen und minimalen Warnungen gepostet. Der Text wird bei Bedarf und nach weiteren Sichtungen vorsichtig ergänzt. Bitte hier entlang >>
Natürlich hat die Petition Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten ein Imageproblem. Denn oberflächlich wendet sie sich gegen eine Initiative, die u.a. von Familienministerin von der Leyen gestartet wurde, um den Zugriff auf Internetseiten zu sperren, die Kinderpornographie anbieten. Dagegen kann man ja eigentlich nicht sein.
Ist ja auch niemand. Man darf aber bestreiten, ob die “Stoppschilder im Internet” das erwünschte Ziel wirklich erreichen, oder ob sie nicht reiner Aktionismus sind, die nur den Blick auf Verbrechen zustellen, aber weder die Täter verfolgen noch die Kinder schützen – geschweige denn daß sie, was ja konsequent wäre, zum Abschalten der fraglichen Seiten führten.
Ich muß das hier nicht mehr ausführlich auseinanderdividieren. Die Argumente sind bereits mehrfach und ausführlich dargelegt worden; wer will kann sie bei heise.de (vor allem zum technischen Hintergrund; aus der c’t 9/2009) und bei Don Dahlmann (vor allem zu den politischen Argumenten) nachlesen.
Prinzipiell hält es der [IT-Branchenverband] Bitkom nach wie vor für dringend geboten, die im Raum stehenden Web-Blockaden über ein Spezialgesetz zu realisieren. Damit könne deren “Ausnahmecharakter” unterstrichen und deutlich gemacht werden, dass es sich wirklich um eine abschließende Regelung ohne die vielfach geforderten Möglichkeiten für Ausweitungen etwa auf Seiten mit illegalen Glücksspielen oder rechtswidrig angebotenen urheberrechtlich geschützten Werken. Die gewählte Verankerung im Telemediengesetz (TMG) führe dagegen zu Systembrüchen und lasse aufgrund dessen “Querschnittscharakter” befürchten, “dass das Instrument künftig für weitere Inhaltskategorien fruchtbar gemacht werden soll”.
Ein Bruch des Urheberrechts ist, das sollte man vielleicht doch noch einmal vorsichtig anmerken, im Verhältnis zur Erstellung und Verbreitung von Kinderpornografie eine eher triviale Straftat, bei der letztlich vor allem finanzieller Schaden entsteht, aber keine Menschen direkt zu Schaden kommen. Auf jene Straftat mit der gleichen Keule zuzuschlagen wie auf diese, ist schon ziemlich übertrieben.
Denn um eine Keule handelt es sich: Die eingangs erwähnte Petition richtet sich ja gerade dagegen, daß die “Sperrliste” vom Bundeskriminalamt erstellt wird, geheim bleibt und durch keine richterliche Instanz (geschweige denn eine kritische Öffentlichkeit) geprüft werden kann oder darf. Lorenz Maroldt kommentiert das im revolutionärer Umtriebe wohl unverdächtigen Tagesspiegel mit den Worten:
Eine ungeheure Aussicht: staatliche Behörden, die unkontrolliert zensieren.
Die geplante Sperrliste rührt an den Grundfesten unserer Verfassung, am Rechtsstaat, an der Gewaltenteilung: wenn das Ansurfen einer gesperrten Seite auch noch zur Umkehrung der Unschuldsvermutung führt, dann wird der Ankläger, der den Straftatbestand selbst geschaffen hat, also eine Seite auf die Sperrliste gesetzt hat, gleich noch zum Richter, der zumindest eine Vorverurteilung beschließt.
Man kann das auch Polizeistaat nennen.
Was mich nun an den Reaktionen der KoalitionspolitikerInnen aufregt, ist die Blasiertheit, mit der sie die Argumente der GegnerInnen ihrer Initiative “gegen Kinderpornographie” nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Man nehme nur Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, noch immer ziemlich frisch gebackener Wirtschaftsminister, der vorgestern in der Tagesschau zu Wort kam (via):
Es macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich einer der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.
(Man muß die Worte schon ein wenig auf Zunge und Großhirnrinde bewegen, um das zu verstehen: Es macht ihn betroffen, wenn der Eindruck entstehen sollte? Warum verstärkt er ihn dann? – Abgesehen davon, daß er, was nun wirklich an Beleidigung grenzt, insinuiert, die UnterzeichnerInnen der Petition wollten den Zugang zu Kinderpornografie nicht erschweren.)
Viel häufiger aber als solche sprachlichen und inhaltlichen Blasen werden nun moralische Bekenntnisse abgegeben, die Gegner der Sperrung als Gegner der Zivilisation brandmarken wollen oder sich darüber empören, man müsse ja die Kinder schützen!
Aber mal ganz im Ernst: Wenn sich die PolitikerInnen der Koalition zu schade sind, sich mit den Argumenten der Gegenseite zu beschäftigen, und nur mit emotionalen bis verleumderischen Appellen und Verallgemeinerungen reagieren, dann brauchen wir diese unsere RepräsentantInnen nicht. Da kann ich mich, um’s mal polemisch zu sagen, auch von jenen regieren lassen, die sich emotional von der Bild-Zeitung fernsteuern lassen.
PolitikerInnen, die Argumente nicht zur Kenntnis nehmen und nur von Emotionen reden, machen genau den Job nicht, für den sie gewählt und von uns bezahlt werden: Sich gründlich und ernsthaft mit Themen auseinanderzusetzen und nach bestem Wissen und Gewissen zu wichtigen Fragen Entscheidungen zu treffen, die mit einer rechtsstaatlichen, freiheitlichen Demokratie in Einklang zu bringen sind.
(Auch noch bei Netzpolitik: Ein Hintergrundtext zur Frage, inwieweit die Netzsperren ein probates Mittel seien, um gegen Kinderpornografie vorzugehen.)
Versuche über das Leben, das Kino und den ganzen Rest.
Wer Wie Was
Das [i:rrhoblog] ist das Weblog von Rochus Wolff. Ich bin ein Freund der Nacktmulle, Medienjunkie und Feminist, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Mehr über mich und diese Website »