„Film halt irgendein Kind für uns!“

In Elternblogs gab es in den letzten Wochen einige interessante Diskussionen, und zu den etwas mehr Wellen schlagenden gehörte die Diskussion um die Frage, ob man (erkennbare) Fotos seiner Kinder ins Netz stellen solle bzw. könne oder dürfe. Insbesondere @dasnuf und @leitmedium haben dazu Kluges (und Kontroverses) geschrieben – die anderen Beiträge möge man sich aus den Links der beiden zusammensuchen, wenn’s interessiert. Es gab dann auf der re:publica in dieser Woche dazu auch noch eine Diskussion (hier nachzuhören), die inhaltlich recht interessant war, aber deutlich strukturierter hätte sein dürfen.

Jedenfalls: Das ist gerade ein heißes Thema, aber jedenfalls eines, an das man mit einem gewissen Fingerspitzengefühl herangehen kann und – folgt man der beschriebenen Diskussion ein wenig – auch gehen muss. Zumal ja, nur ganz nebenbei, so grundlegende Fragen berührt werden wie Selbstbestimmungsrecht, Recht am eigenen Bild, elterliche Verantwortung undsoweiter bisultimo.

Und dann kommen halt so eine Marke wie Bonprix und eine Agentur wie Jung von Matt/Alster daher und denken sich: Hey super, machen wir doch eine Kampagne, bei der uns Leute Videos von ihren Kindern schicken. Oder genauer:

Film dein eigenes Kind oder deine Nichte, deinen Neffen, dein Patenkind oder das Kind deiner besten Freundin …

Worum es geht ist der Muttertag und die These, dass Kinder selbstverständlich ihre Mutter als schönste Frau der Welt sehen. Wohingegen das Kampagnenvideo, obwohl es das ja gerade gut finden will, irgendwie die Urteilskraft der Kinder in Frage stellt:

https://www.youtube.com/watch?v=fa9EFrfsfUw

Ich will jetzt aber gar nicht darauf abheben, dass es einfach bescheuert ist, hier auf Schönheit als das entscheidende Kriterium abzuheben, und wie sehr das Geschlechterbilder zementiert (auch bei den Kindern) und… boah, doch, darüber könnte ich mich auch aufregen.

Was mich nervt (jetzt gerade und hier und wegen der o.g. Diskussion): Dass in der Kampagne so getan wird, als wäre es total in Ordnung, nicht nur das eigene Kind, sondern auch das Kind anderer Frauen (die Väter tauchen natürlich nicht auf) abzufilmen und das Video dann irgendeinem Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

So sehen die beiden „Mach Mit!“-Bildschirme vor dem Video-Upload aus:

bonprix_jvm1

bonprix_jvm2

Bis dahin also kein Hinweis, dass man ja nicht nur die Rechte an dem Video haben muss, sondern auch die Einwilligung der abgebildeten Personen (bzw. von deren Vertreter_innen). Natürlich taucht das mit einem Satz in den Teilnahmebedingungen auf, die man aber erst nach einem Extraklick zu sehen bekommt:

3.3. Mit der Übermittlung des nutzergenerierten Inhalts erklärt der Nutzer gegenüber bonprix, Inhaber aller hierfür erforderlichen Rechte (Urheber-, Leistungsschutz- und Persönlichkeitsrechte) an dem nutzergenerierten Inhalt zu sein. Insofern weist bonprix den Nutzer darauf hin, dass das Veröffentlichen von nutzergeneriertem Inhalt auf einer Mikrosite ein „Öffentlich-Zugänglich-Machen“ im Sinne des Urheberrechtsgesetzes darstellt. Das ist dem Nutzer nur dann gestattet, wenn er Urheber des nutzergenerierten Inhalts ist oder der Urheber dem Nutzer entsprechende Nutzungsrechte eingeräumt hat. Zudem bedarf es der persönlichkeitsrechtlichen Einwilligung aller identifizierbaren Personen. Der Nutzer verpflichtet sich daher, ausschließlich solche Inhalte zu generieren, an denen er alle hierfür erforderlichen Rechte besitzt und deren Verwendung und/oder Inhalt weder gegen gesetzliche Vorschriften noch gegen Rechte Dritter verstoßen. (Hervorhebung von mir)

In den davorstehenden Punkten 3.1. und 3.2. übertragt man übrigens Bonprix und Jung von Matt das „zeitlich und örtlich unbeschränkte sowie unentgeltliche Nutzungsrecht“ an dem Video – für praktisch alle Zwecke: Werbung (online, offline, Kino, sonstwas), Social-Media-Kampagnen, Wettbewerbseinreichungen usw. usf. Bei Jung von Matt gehört auch dazu, das Material „Dritten für Produktionen zur Verfügung zu stellen, die die Zusammenstellung origineller Werbespots und/oder sonstiger redaktioneller Zwecke zum Gegenstand haben“. Mit anderen Worten: Die Videos könnten in Zukunft auch in ganz anderen Zusammenhängen auftauchen.

Wer also gerne möchte, dass ein Video des eigenen Kindes zukünftig Teil von Bonprix-Werbekampagnen, Jung-von-Matt-Imagematerial und möglicherweise anderen Aktionen wird, darf da gerne teilnehmen. Ich bin eher schockiert ob dieser Dreistigkeit. Bonprix und Jung von Matt entwickeln also eine Kampagne, die wenig subtil daran erinnert, dass der gesellschaftliche Konsens sei, dass Frauen vor allem schön sein müssten, Mütter dies aber natürlich nur noch aus der Sicht ihrer eigenen Kinder sein können – und fordert dazu auf, Videos von niedlichen Kindern einzusetzen, die sie dann anschließend für ihre Werbung einsetzen können.

Sie nennen es „Die schönste Frau der Welt“. Ich nenne es einen Haufen … ach, lassen wir das.

(Danke, René, für den Hinweis. Screenshots von dieschoenstefrau.de)

(Und meine Güte, habe ich lange nichts mehr in dieses Blog hineingeschrieben.)

Catzencontent

In Berlin hat am vergangenen Wochenende der Wahlkampf begonnen. Und natürlich sind die meisten Plakate inhaltsfrei und ohne politischen Bezug, die üblichen Phrasen zu den üblichen Grinsegesichtern. (Ausnahmen gibt’s bestimmt auch.)

Aber die CDU. Die scheint jetzt ganz und gar auf der Spur der jungen Generation zu sein, die gehen ganz und gar ab aufs und ins Internet. Erst machen sie ihre eigenen Facebook-Parties, und nun das, ganz nahe am Zielpublikum, einfach: Katzencontent.

C eben doch nicht wie Cukunft, sondern wie Catze. Das ist chnuffig, chniedlich, chön. (Und wir haben uns alle lieb! Sogar Hund und Catze! Das ist chchchöööööön! Und nicht so negativ wie das Plakat von der CDU in Kreuzberg.)

(Jetzt mal ehrlich, CDU Reinickendorf, Wahlwerbung durch knuffige Tierbabies? SRSLY? WTF?)

Links (13.04.2011)

  • Child assassins are quite different from the overall category of child killers. And while two recent films in two subsequent spring movie seasons that feature child assassins, Kick-Ass and Hanna, hardly constitute a trope as far-reaching as child killers in horror films, they do seem to be rising with their own rules of representation that constitute a possible emerging trend of their own.
  • An excerpt from Sir J. Thurgood Snorpington-Pittwickett’s classic “Sexual Tyrannosaurus: ‘Predator’ and the masculine struggle with homosexual self-identity,” first published in the 1988 Journal of Psychosexuality and Cinematical Hermeneutics 6, p. 122-254. (<a href="http://www.fuenf-filmfreunde.de/2011/04/12/the-sexual-subtext-of-%E2%80%9Epredator%E2%80%9C/">via</a>)

Links (07.04.2011)

  • Ein Round-Table-Gespräch in der Deutschen Filmakademie zur aktuellen Lage in den deutschen Kinos. Am Nachmittag des 8. März 2011 trafen sich Manuela Stehr (Produzentin/Verleiherin), Herbert Schwering (Produzent), Jan Schütte (Regisseur/ Direktor der dffb) und Rüdiger Suchsland (Filmjournalist) zu einem Gespräch über den Zustand und Ideen für die Zukunft des deutschen Kinos. Die Gesprächsleitung hatten Alfred Holighaus (GF der Deutschen Filmakademie) und Linda Söffker (Leiterin der Perspektive Deutsches Kino, Berlinale).

Bitte wählen Sie jetzt Ihre Sprache aus

Zum politischen Aschermittwoch hat Horst Seehofer gestern nicht nur Guttenberg gepriesen, den Islam ausgegrenzt und (hatten wir die nicht schon hinter uns?) eine deutsche „Leitkultur“ gepriesen, sondern sich laut zeit.de auch zum Thema Integration und Spracherwerb geäußert.

Von Ausländern müsse in Deutschland verlangt werden können, „sich zu unserer Werteordnung zu bekennen und als Erstes die deutsche Sprache zu lernen“ Der türkische Ministerpräsident Erdoğan hatte gesagt, türkische Kinder in Deutschland sollten zuerst Türkisch lernen.

Stärker noch hatten das Guido Westerwelle und andere Unions-Politiker formuliert. Westerwelle sagte laut RP vor einigen Tagen:

„Die Kinder, die in Deutschland groß werden, müssen zu allererst Deutsch lernen“, erklärte Westerwelle in Berlin. Ohne die deutsche Sprache „kommen sie in der Schule nicht mit und haben später schlechtere Chancen als andere“.

Nun kann ich über viele Dinge, die mit Integration, Rassismus usw. zu tun haben, nur begrenzt und wenig kompetent Auskunft geben – aber was konkret die Frage angeht, welche Sprache Kinder mit Migrationshintergrund zuerst lernen sollten, möchte ich doch meine eigenen Erfahrungen kurz einwerfen, auch wenn meine/unsere Situation in vielem kaum mit der von jenen Menschen vergleichbar ist, über die Westerwelle und Seehofer glauben, mit Gewißheit sprechen zu können.

Wir leben mit zwei Kindern seit etwas über zwei Jahren in Frankreich. Die Liebste und ich sprechen Französisch, mehr (sie) oder weniger (ich) gut, und auch das hat sich in der Zeit hier natürlich verbessert. Mit unseren Kindern aber sprechen wir selbstverständlich Deutsch, und sicher hätten Herr Seehofer und Herr Westerwelle auch nichts dagegen einzuwenden, das wir in unserem Einwanderungsland weiter unsere Muttersprache verwenden. Deutsch ist also für beide Kinder ihre erste Sprache (auch wenn Kind Zwei derzeit eher ein interessantes Potpourri spricht, aber das ist eine andere Geschichte), Französisch erst die zweite, erworben vor allem im Rahmen der Kinderbetreuung durch Muttersprachler_innen. Und trotzdem wähne ich uns, und mehr noch: die Kinder, gut integriert.

Natürlich hat die Wahrnehmung etwas mit „Kulturkreisen“, Bildungsstand, all diesen Dingen zu tun, denn Westerwelle und Seehofer wollen ja vor allem die Ängste vor dem Fremden, vor den ungebildeten Massen schüren, mit denen sie ihre Wähler_innen an die Urnen treiben wollen. Wir wären auch als französisches Paar in Deutschland für sie kein Problem, weil wir ja EU-Bürger_innen wären, arbeitend, gebildet, all that jazz.

Aber was unterscheidet das Deutsche in dieser Diskussion vom Türkischen? Kind Eins hat hier, so ist unser Eindruck, deshalb so schnell und gerne Französisch gelernt, weil es vorher schon gut Deutsch gesprochen hat – jetzt ist es ein stolzes Wesen, das seinen Vater auch gerne mal korrigiert, wenn der Quatsch redet. Was spricht dagegen, das Kinder mit türkischen oder türkischstämmigen Eltern daheim erst einmal Türkisch lernen? Natürlich sollten sie dann, so sie in Deutschland leben, auch Deutsch lernen – es würde mich überraschen, wenn türkische Eltern dem grundsätzlich feindlich gegenüberstünden. Die Kinder werden es sicher wollen, die haben nämlich ein großes Interesse daran, ihre Umwelt zu verstehen. (Dieser Spracherwerb geht vermutlich am besten über Betreuung in Kindergärten; diese auszubauen und zu fördern sollte also eigentlich bei der Union großen Vorrang besitzen. Aber an deren Stammtischen gilt ja offenbar, daß es am besten ist fürs Kind, bei Mama zuhause zu sein, jedenfalls solange die Mama nicht türkisch, sonstwie „fremd“ und damit zwangsläufig islamistisch oder wenigstens integrationsunwillig ist, oder so.)

Vor allem aber ist es widersinnig, Kinder mit Gewalt in eine der beiden Sprachen zu drängen, wenn das Ziel doch eigentlich sein kann (und sollte), daß sie am Ende beide Sprachen beherrschen wie eine Muttersprache (eine Sache, die wirklich praktisch jedes Kind erreichen kann). Denn nicht nur sind sie damit „integriert“, was immer das auch sein mag, sie können vor allem Mittler_innen werden zwischen den Sprachen, Kulturen und Generationen. Oder ist das zu pathetisch? Meine Kinder jedenfalls erklären mir Frankreich jeden Tag neu.

(In die gleiche Kerbe, aber etwas professioneller, schlägt die Wissenschaftlerin Petra Schulz in diesem Interview bei Spiegel Online.)

Links (18.02.2011)

Dr. strg. c. Guttenberg

(Titelkalauer abgeschrieben von Felix Neumann)

Es gibt eine ganze Menge von Sachen, die sich zu Karl Theodor zu Guttenbergs Dissertation sagen ließe und natürlich vor allem zu dem Verdacht, er habe wissentlich anderer Leute Text darin einkopiert. Allem derzeitigen Anschein nach hat er auf jeden Fall wiederholt und gerne über mehrere Absätze mit minimalen Veränderungen Texte anderer übernommen, ohne sie an diesen Stellen als Zitat kenntlich zu machen und die Quelle anzugeben. Die Fälle scheinen zu häufig zu sein, um sich nur durch Versehen erklären zu lassen, und so oder so verstößt solches Abschreiben gegen die guten Sitten der Wissenschaft und gegen die Regeln, die für das Verfassen einer Hausarbeit, Abschlußarbeit oder Dissertation gelten.

Man kann dazu viele Scherze machen oder sich an der Suche nach plagiierten Stellen beteiligen, für mich ist jetzt vor allem die Frage von Bedeutung, wie die Universität Bayreuth letztlich damit umgehen wird. Natürlich muß Guttenbergs Stellungsnahme abgewartet werden und all das, allerdings scheint mir das doch alles doch inzwischen so überdeutlich zu sein, daß er sich nur mit Mühe argumentativ herauswinden können dürfte.

Und so stimme ich @percanta zu, die selbst an einer Hochschule unterrichtet, und die heute morgen auf Twitter ein klares Durchgreifen der Universität erhoffte, und daß Guttenberg der Titel aberkannt würde, denn:

Wie sollen wir sonst je wieder ernst genommen werden, dass Plagiat kein Kavaliersdelikt sei und Studis darum ohne Nachprüfung durchfallen?

Oder um es andersherum zu wenden: Student_innen werden zum Teil schon für weniger Plagiat mit Exmatrikulation bedroht (und zu Recht), da darf man den Herrn „Doktor“, der es wahrlich besser wissen muß, nicht laufen lassen.

Links (17.02.2011)

Links (16.02.2011)

  • Regisseur von 'Incendies'
  • The dating world is a hideous business. We're taught that to woo, to romance, to love; the man must cover his beloved in all manner of monetary adoration and personal torment. He must buy overpriced roses, grandoise gifts and wallet-burning meals every Valentine's Day. He must take his beloved, or hope-to-be-beloved, to romantic comedies and five-tissue romances. On the flip side, the woman is expected to groom, to woo (though all bets are off when the fish is caught) and to offer up sexual spoils to show her appreciation (though not required). If she's super-swell, she might give the guy a day off now and then to partake in his burly deeds and see his manly friends, but ultimately, she just has to keep him marginally entertained … and rule him with an iron fist of feminity.

    And it all starts with the "date movie."

  • The movies have some valuable lessons to teach us about bedroom shenanigans. For here are 15 films that might just put you off sex altogether…

Links (14.02.2011)

  • Medienpädagogische Filmbildung hat es bislang gänzlich versäumt queer-theoretische Ansätze in der Filmbildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aufzugreifen. Darum schlage ich ein Konzept heteronormativitätskritischer Filmbildung vor, mit dem medienpädagogische Ansätze innerhalb der Filmbildungsarbeit für queer geöffnet werden, das sich insbesondere für subjektbezogene Konzepte von Filmbildung dringend empfiehlt. Heteronormativitätskritische Filmbildung stellt eine veränderte Möglichkeit der Herangehensweise an das Medium Film dar: Filmische Repräsentation wird als Ort der Reproduktion heteronormativer Strukturen fokussiert und gleichzeitig der Frage nachgegangen, inwiefern Interventionen in die symbolische Ordnung durch filmisch vermittelte Formen des Widerstandes aussehen können. (Feministisches Institut Hamburg / von Julia Bader)
  • Nachdem Wieland Speck in den siebziger Jahren für das Berliner TALI Kino verantwortlich war und als Darsteller unter anderem für Marlene Dietrich, Ulrike Ottinger und Robert van Ackereren vor der Kamera stand, wurde er im Jahr 1982 Assistent von Manfred Salzgeber bei der Berlinale. Gemeinsam mit ihm gründete er den schwulen Filmpreis TEDDY AWARD, der seit 1987 auf der Berlinale verliehen wird. Seit 1992 ist Wieland Speck Programmleiter der Sektion PANORAMA. Mit uns hat Speck darüber gesprochen, warum das Kino in Festivals zu Hause ist.

Appell gegen die Angriffe auf Wikileaks

Signed. (Hier kann man unterschreiben.)

die tageszeitung, Der Freitag, die Frankfurter Rundschau, der Tagesspiegel, European Center For [Constitutional] and Human Rights (ECCHR) und Perlentaucher.de veröffentlichen zeitgleich diesen Appell gegen die Angrife auf Wikileaks.



1. Die Angriffe auf Wikileaks sind unangebracht

Die Internet-Veröffentlichungsplattform Wikileaks steht seit der Veröffentlichung der geheimen Botschaftsdepechen der USA unter großem Druck. In den USA werden die Wikileaks-Verantwortlichen als „Terroristen“ bezeichnet, es wird sogar ihr Tod gefordert. Große internationale Unternehmen wie MasterCard, PayPal und Amazon beenden ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks – ohne dass eine Anklage gegen die Organisation vorliegt, geschweige denn eine Ver[ur]teilung. Gleichzeitig wird die technische Infrastruktur von Wikileaks anonym über das Internet attackiert.


Dies sind Angriffe auf ein journalistisches Medium als Reaktion auf seine Veröffentlichungen. Man kann diese Veröffentlichungen mit gutem Grund kritisieren. Aber wir wenden uns gegen jede Form der Zensur durch staatliche oder private Stellen. Wenn Internetunternehmen ihre Marktmacht nutzen, um ein Presseorgan zu behindern, käme das einem Sieg der ökonomischen Mittel über die Demokratie gleich. Diese Angriffe zeigen ein erschreckendes Verständnis von Demokratie, nach dem die Informationsfreiheit nur so lange gilt, wie sie niemandem weh tut. 


2. Publikationsfreiheit gilt auch für Wikileaks

Die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbriefte Publikationsfreiheit ist eine Grundlage der demokratischen Gesellschaften. Sie gilt nicht nur für klassische Medien wie Zeitungen oder Fernsehanstalten. Das Internet ist eine neue Form der Informationsverbreitung. Es muss den gleichen Schutz genießen, wie die klassischen Medien. Längst hätte es einen weltweiten Aufschrei gegeben, wenn die USA ein Spionage-Verfahren gegen die New York Times, einen finanziellen Kreuzzug gegen den Spiegel oder einen Angriff auf die Server des Guardian führen würden 


3. Recht auf Kontrolle des Staates

Die Kriminalisierung und Verfolgung von Wikileaks geht über den Einzelfall hinaus. Die Veröffentlichung als vertraulich eingestufter Informationen in solchen Mengen soll verhindert werden. Denn die Menge an Dokumenten liefert der Öffentlichkeit einen weit tieferen Einblick in staatliches Handeln als bisherige Veröffentlichungen in klasssischen Medien. Der Journalismus hat nicht nur das Recht, sondern die Aufgabe, den Staat zu kontrollieren und über die Mechanismen des Regierungshandelns aufzuklären. Er stellt Öffentlichkeit her. Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Demokratie. Der Staat ist kein Selbstzweck und muss eine Konfrontation mit den eigenen Geheimnissen aushalten.

Wir, die Initiatoren und Unterzeichner, fordern, die Verfolgung von Wikileaks, die dem Völkerrecht zuwiderläuft, zu stoppen. Wir fordern alle Staaten und auch alle Unternehmen auf, sich diesem Feldzug gegen die bürgerlichen Rechte zu widersetzen. Wir fordern alle Bürger, bekannt oder unbekannt, in politischen Positionen oder als Privatpersonen, auf, für die Einstellung der Kampagne gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit aktiv zu werden. Wir laden alle ein, sich an dem Appell für die Medienfreiheit zu beteiligen.

Die Erstunterzeichner dieses Appells:

taz
Frankfurter Rundschau
Der Freitag
Tagesspiegel
European Center For [Constitutional] and Human Rights (ECCHR)
perlentaucher.de

(via)

Links (14.12.2010)